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Netzgeflüster: Protest gegen guten Geschmack
Demonstriert wird heutzutage ja gegen fast alles. Selbst gegen Bahnhöfe! Und es gibt in diesem Zusammenhang sogar Fragen, die spalten unsere Gesellschaft – nicht nur die, die bei Facebook organisiert ist, sondern überhaupt und überall. Und Stein des strittigen Anstoßes sind beispielsweise Spekulatius, die manche das ganze Jahr über kaufen und essen möchten, während andere empört die Nase rümpfen, wenn sie solche leckeren Weihnachtsartikel bereits im September im Regal ihres Supermarkts entdecken. Und wenn die so Empörten im Netzwerk Facebook unterwegs sind, dann gründen sie dort natürlich eine Protestgruppe wie „Boykott sämtlicher Weihnachtsartikel bis kurz vor 1. Advent“ (BsWbkv1A). Solche Gruppen kosten ja nichts und die Mitgliedschaft in ihnen ist völlig unverbindlich und – ja auch das – im Grunde folgenlos. weiter geht’s im HAZ-Netzgeflüster
TV-Kritik: Weilers Welt
Eines gleich vorweg: Die vierteilige 3sat-Dokumentationsreihe „Weilers Welt“ ist eine große Enttäuschung. Besonders weil Jan Weiler einer der renommiertesten Kolumnisten der Bundesrepublik ist. Ein Autor und Journalist, der witzig in seinen Arbeiten seinen Alltag, seine deutsch-italienische Familie und deren haarsträubende Multikulti-Abenteuer beschreibt. Zudem ist eines seiner Bücher, „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, mit Christian Ulmen in der Hauptrolle recht erfolgreich verfilmt worden. Und wer Weiler nicht selber lesen möchte, der kann ihm beim Lesen zu hören auf einer seiner regelmäßigen Lesereisen quer durch die Republik.
Doch wer nun auf eine amüsante Fortsetzung von Weilers Kolumne mit den Mitteln des Fernsehens gehofft hat, wird mit jeweils 25 Minuten langen Filmen konfrontiert, die vor allem eins sind: langweilig. Der 42-Jährige will uns nämlich die Welt offenbar neu erklären, ja auch ein bisschen provozieren und tischt dabei jedoch nur Altbekanntes auf. Thema beispielsweise der ersten Sendung ist „Gier rettet die Welt – warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet“. In ihr spricht Weiler gleich zu Anfang mit dem umstrittenen Klimakatastrophen-Skeptiker Hartmut Bachmann, für den alles nur ein „natürlicher Wandel“ des Klimas ist, also kein Grund zur Panik, die aus seiner Sicht allerdings von dunklen Mächten geschürt wird. Nun ja.
Nach diesem anfänglich zugegeben etwas verstörenden Gespräch, dessen Thesen im Lauf der Sendung komischerweise überhaupt keine Rolle mehr spielen, geht es mit einem Angstforscher um unser „katastrophisches Lebensgefühl“ – auch das nicht besonders erhellend, genau wie die anschließenden Plaudereien mit einer Energieökonomin und einem Solarstrom-Manager, der – Donnerwetter! – einen Maserati in der Garage stehen hat. Tenor dieser Gespräche ist die auch nicht gerade originelle Erkenntnis, dass der Kapitalismus die Probleme mit dem Klima schon lösen wird, wenn sich dabei – schon wieder: Donnerwetter! – genügend Geld verdienen lässt. Was ja auch schon der Titel der Sendung versprochen hat.
Ganz ähnlich lau und handwarm wirkt dann auch die zweite Folge dieser kleinen Sendereihe, bei der es um Bildung und Chancengleichheit geht. Und man sich hinterher nur fragt, warum Weiler ausgerechnet dabei soviel Zeit mit Wolfgang Clement und Rainer Langhans verschwendet hat. Ein neuer, ein ungewöhnlicher Blick auf ein wichtiges Thema wird jedenfalls nicht geliefert. Und witzig ist das alles leider auch nicht. Kurz: eine große Enttäuschung.
Weilers Welt, donnerstags und freitags, jeweils um 22.25 Uhr, auf 3sat
Kritik: Ondine – Das Mädchen aus dem Meer
Auch Erwachsene brauchen bekanntlich Märchen – vor allem wenn es so schöne sind wie „Ondine – Das Mädchen aus dem Meer“, das der mehrfach preisgekrönte irische Regisseur und Autor Neil Jordan („The Crying Game“, „Michael Collins“) nach seiner letzten Hollywood-Produktion „Die Fremde in dir“ in seiner rauen Heimat gedreht hat mit seinem Landsmann Colin Farrell und der hübschen Polin Alicja Bachleda-Curus in den Hauptrollen. Letztere ein im Westen noch weitgehend unbekanntes Gesicht, das vielleicht mancher Zuschauer dennoch aus deutschen Fernsehfilmen wie „Sperling“ kennt.
Erzählt wird also eine märchenhafte Geschichte, die aber in der heutigen Zeit spielt und die mit einer unglaublichen Wendung sowie einem wunderschön harmonischen Schluss überrascht. Und wohl wirklich jeder Kinobesucher wird danach gut gestimmt das Lichtspielhaus verlassen. Wohlfühlkino wie es besser kaum geht! Im Mittelpunkt des Films steht der Fischer Syracuse (Farrell), der eines Tages ein scheues junges Mädchen (Bachleda-Curus) in seinem Netz findet. Sie nennt sich selber Ondine, scheint sich vor der Welt zu verstecken und traut nur dem wackeren Syracuse, äußerlich übrigens ein echter Seebär. Er bringt das Mädchen unter in dem verwaisten Haus seiner toten Mutter, und wenn er zur See fährt, begleitet sie ihn und bringt ihm großes Glück, sprich einen ungewöhnlich üppigen Fang. Auch ein Grund, dass er die geheimnisvolle Schöne bittet, für immer zu bleiben.
Syracuse, der sich als ehemaliger Trinker herausstellt, hat auch eine kleine Tochter, Annie (Alison Barry), um die er sich liebevoll kümmert. Sie lebt mittlerweile bei ihrer Mutter und deren neuen Freund, dennoch bringt unser Fischer sein nierenkrankes Kind regelmäßig zur Dialyse. Und natürlich lernt sie irgendwann dabei Ondine kennen. Beide freunden sich an, obwohl vieles aus Annies Sicht dafür spricht, dass Ondine eine Selkie ist. In der schottischen Mythologie sind das besonders schöne Wesen aus dem Meer, die, wenn sie an Land geraten, ihr Robbenfell abstreifen und sieben Jahre bleiben dürfen. Dann kehren sie zurück ins Meer.
Auch Syracuse hat längst einen ähnlichen Verdacht wie seine Tochter. Und dann taucht plötzlich noch ein finsterer Fremder auf, der offenbar nach Ondine sucht, die allerdings große Angst vor ihm hat. Danach überschlagen sich die Ereignisse. Ja, alles spitzt sich höchst dramatisch zu, bis sich am Ende das aufregende Geschehen in großer Liebe und wärmster Harmonie auflöst. Doch mehr wird an dieser Stelle wirklich nicht verraten. – Jedenfalls hat die Geschichte von Ondine alles was ein romantisches Märchen auszeichnet: Starke Gefühle, geheimnisvolle Wesen, aber auch böse Gestalten und todbringende Gefahren. Und es führt uns beim Zuschauen in eine Welt und in eine liebevoll in Szene gesetzte Landschaft, in der man gerne länger als zwei knappe Kinostunden verweilen würde. Großes Kino!
