Archiv
Tatort – Wer das Schweigen bricht
Deutsche Schauspieler, die nicht bei drei auf dem Baum sind, werden Kommissar beim ARD-„Tatort“. Diesen Eindruck vermitteln derzeit jedenfalls die zahlreichen Neuzugänge bei der populären Krimi-Reihe. So hat bekanntlich erst kürzlich Til Schweiger in Hamburg gleich reihenweise Bösewichte ins Jenseits genuschelt, Devid Striesow sich durch die saarländische Provinz kaspern dürfen und in zwei Wochen tritt dann ebenfalls in der Hansestadt Wotan Wilke Möhring seinen Dienst an. Zuvor hat bereits Jörg Hartmann als Dortmunder-Kommissar viel Autoblech zerschlagen und zu Weihnachten wird dann gleich mit Nora Tschirmer und Christian Ulmen in Weimar ein neues Duo an den Start gehen. Bei soviel Veränderung sage noch einer, die ARD traue sich nichts.
Doch nun steht erst einmal ein Abgang an. Nach nur fünf Folgen verlässt an diesem Sonntag Nina Kunzendorf das Frankfurter-„Tatort“-Team um Hauptkommissar Frank Steier alias Joachim Król. Angeblich, weil sie sich nicht auf die Rolle der schrägen Ermittlerin Conny Mey reduzieren lassen will. Und diese Entscheidung ist jammerschade. Zwar sind ihre Auftritte anfangs arg überzeichnet gewesen, doch inzwischen hat sie das übertrieben locker-flockige Machogehabe abgelegt und agiert trotz ihrer immer noch gewöhnungsbedürftigen Cowboystiefel wesentlich ernster, tiefer und mit einer Spur schöner Melancholie. Und schafft so mit eine wunderbare Stimmung, die auch ihren letzten Fall „Wer das Schweigen bricht“ bestimmt, den Regisseur Edward Berger erneut nach einem Drehbuch von Lars Kraume in Szene gesetzt hat
Wie bisher alle Folgen mit Steier und Mey basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit, die der Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen“ geschildert hat. Tatort ist ein Frankfurter Jugendgefängnis, wo nachts ein Strafgefangener in seiner Zelle ermordet wird. Doch wie, fragen sich die ratlosen Ermittler, konnte der Mörder in die abgeschlossene Zelle kommen? Und warum wurden dem Opfer vor seinem Tod acht Zehennägel ausgerissen? Die Mitgefangenen des Toten hüllen sich in Schweigen. Auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera helfen den beiden Kommissaren nicht weiter, weil seltsamerweise die entscheidenden Minuten fehlen. Und als sie dann eher beiläufig von den Knastaufsehern erfahren, dass einem weiteren Insassen die Fußnägel gewaltsam entfernt worden sind, wird für sie die Geschichte noch undurchsichtiger.
Erzählt wird also eine klassische „Wer-ist-der-Täter“-Story, die am Schluss dann erstaunlich unspektakulär aufgelöst wird. Manche Dinge sind halt doch ganz einfach. Dennoch fasziniert die düstere Geschichte bis zu ihrem Ende. Vor allem wegen der ungemein stimmigen Atmosphäre, die den Zuschauer dank eines geschickten Zusammenspiels aus Farben, Licht und Musik schnell gefangen nimmt. So wirkt das ach so liberale Jugendgefängnis wie eine eiskalte und nach außen gut abgeschottete Mini-Welt, in der Gruppen aus Deutsch-Russen, Arabern und Neo-Nazis ihre Revierkämpfe gewalttätig austragen. Während das Frankfurter Kommissariat mit seinen holzvertäfelten Gängen eine ernüchternde Finanzamt-Tristesse ausstrahlt.
Aber auch die beiden Kommissare zeigen sich darstellerisch von ihren besten Seiten. Dabei erfährt der Zuschauer, warum Steier stets so übellaunig wirkt, ja, dass er eine Schuld mit sich herumträgt, die er regelmäßig versucht, im Alkohol zu ertränken. Auch der Weggang seiner mittlerweile liebgewonnenen Kollegin Mey an die Polizeischule Kiel schmerzt ihn offenbar heftig. Und sein Versuch, dies mit ziemlich platten Scherzen aus dem vorigen Jahrtausend zu überspielen, geht gehörig schief. Aber, wie sagt seine Kollegin Mey tröstlich lächelnd in der Anfangsszene: „Das Leben geht weiter.“ Und weiter geht’s auch mit dem Frankfurter-„Tatort“, wo in der nächsten Folge Alwara Höfels Steiers Assistentin spielen wird. Ob sie seine feste Partnerin wird, soll allerdings erst im Herbst entschieden werden.
UPDATE: Inzwischen steht die neue Partnerin Króls fest: Margarita Broich.
ARD, 14.04.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 14.04.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 14.04.2013, 23:45 Uhr
ARD, 16.04.2013, 00:35 Uhr
Tatort: Fette Hunde
Lissy, die frühere Assistentin der beiden Kommissare, ist plötzlich wieder da. Und eingefleischte „Tatort“-Fans werden sich bestimmt an sie erinnern. In den Anfangsjahren des Kölner Duos Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) hat Anne Loos diese Lissy gespielt, bis sie 2007 dann den Dienst quittiert hat. In „Fette Hunde“ kehrt Loos nun in diese Rolle zurück, allerdings als Ehefrau eines Afghanistan-Soldaten. Dennoch haben, wie der Film behauptet, Ballauf und Schenk die Jahre über weiterhin Kontakt zu ihrer ehemaligen Kollegin gehalten und sich um sie, wenn nötig, gekümmert. – Dies jedoch ist tatsächlich die einzige frohe Botschaft in diesem „Tatort“. Und auch Loos’ Engagement soll ein Einzelfall bleiben.
Die Geschichte, die Atmosphäre und auch die Bilder in dieser Folge sind für die beliebte Krimi-Reihe ungewöhnlich düster und triste. Die sonst üblichen Kabbeleien zwischen den beiden Ermittlern sind auf ein Minimum reduziert. Verzichtet wird auch auf die für die Kölner Kommissare sonst typischen moralinsauren Dialoge. Die Handlung spricht ja in diesem Fall tatsächlich für sich. Und selbst auf den obligatorischen Anfangsmord muss der Zuschauer einige Zeit warten. Doch dann wird es gleich sehr heftig.
In Köln wird ein Afghane ermordet aufgefunden, der gerade in Begleitung seiner Schwester (Maryam Zaree) aus seiner Heimat nach Deutschland gekommen ist. Als die Kommissare am Tatort erscheinen, werden sie mit furchtbaren Details konfrontiert. Der Tote ist nicht nur erschossen, sondern er ist regelrecht ausgeweidet wurden. Offenbar ist er ein sogenannter Bodypacker gewesen, der Heroin in Kondome verpackt in seinem Körper transportiert hat. Genau wie seine Schwester, die jedoch spurlos verschwunden ist. Die junge Frau ist daher in größter Lebensgefahr, auch durch das geschluckte Rauschgift. Und dieser Tatbestand sorgt von Anbeginn an für ein hohes Tempo, wie man es selten in deutschen Fernsehkrimis erlebt. Da ist für überflüssige Dialoge und genauso überflüssige Erläuterungen einfach mal keine Zeit.
Und die Spur führt schließlich zu einer Gruppe Soldaten, die ebenfalls gerade aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Darunter der Dolmetscher Sebastian Brandt (Roeland Wiesnekker), Ehemann von Lissy. Gezeigt werden in einer Parallelhandlung dann die Schwierigkeiten dieser Männer, sich in ihrer Heimat und in ihren Familien wieder zurechtzufinden. Ja, einzelne Soldaten sind sogar traumatisiert, entwurzelt und völlig perspektivlos. Gezeigt wird dies in Szenen, die trotz einiger Klischees auf den Zuschauer bedrückend wirken. Und auch die beiden Kommissare haben Probleme in diesem Milieu gewohnt nassforsch zu ermitteln.
Doch bei aller Tristesse, dieser Fall ist formal wie inhaltlich einer der besten Kölner-„Tatorte“ der letzten Jahre, der auch mit wunderbaren Bilder beeindruckt, beispielsweise von der einsamen Ermittlungsarbeit im nächtlichen Kommissariat. Ein Kompliment daher an Regisseur und Adolf-Grimme-Preisträger Andreas Kleinert sowie seinen Drehbuchautor André Georgi! Und hoffentlich macht dieser Fall Schule, nicht nur in Köln.
ARD, 02.09.2012, 20:15 Uhr
Eins Festival, 02.09.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 02.09.2012, 23:45 Uhr
Strike Back: Project Dawn
Es klingt zynisch, aber Terror sorgt im Fernsehen tatsächlich fast immer für hohe Einschaltquoten. Das hat in den letzten Jahren der weltweite Erfolg der kongenialen Actionserie „24“ gezeigt, und jetzt folgt als neuestes Beispiel „Strike Back: Project Dawn“. Ein Mehrteiler, den RTL 2 in fünf Doppelfolgen in jeweiliger Spielfilmlänge ausstrahlt. Die Serie basiert auf einen Bestseller des Engländers Chris Ryan (übrigens ein Pseudonym) und ist eine sehr freie Fortsetzung – unter anderem mit völlig neuem Personal – der britischen Spielfilmreihe „Strike Back“, die ebenfalls der kleine Bruder von RTL gezeigt hat.
In dieser mittlerweile nun amerikanisch-britischen Koproduktion geht es um den internationalen Terroristen Latif (Jimi Mistry), der das „Project Dawn“ plant. Gemeint ist damit ein Anschlag mit Massenvernichtungsmitteln in den USA. Sein Gegner ist die britische Antiterroreinheit „Section 20“, die eiskalt geleitet wird von (Kerle, jetzt müsst ihr ganz hart sein!) einer Frau, von Eleanor Grant (Amanda Mealing). Diese schlagkräftige Truppe hat die Lizenz zum Töten, wovon sie in der Serie auch reichlich Gebrauch macht. Und sie verfolgt den leicht irren Latif durch die halbe Welt. Schauplätze sind unter anderem Ungarn, Tschetschenien, Indien und Südafrika.
Natürlich gibt es in der Section 20 auch zwei herausragende Figuren, die oft fast im Alleingang ganz Terrorbrigaden in die ewige Jagdgründe schickt: Der britische stets regelkonforme Elitesoldat Michael Stonebridge (Philip Winchester) und der ehemalige US-Delta-Force-Agent Damian Scott (Sullivan Stapleton). Ein Hallodri und Frauenheld, der in jeder Doppelfolge eine Bettszene zu absolvieren hat. Und diese beiden Typen sind zwar knallhart, auch ein wenig skrupellos, haben aber leider nicht die Ausstrahlung des „24“ Helden Jack Bauer. Dennoch, was die Action angeht, braucht sich diese Serie nicht vor explosiven Vorbildern zu verstecken. Und am Ende der zehn recht unterhaltsamen Folgen werden überraschenderweise sogar – besonders für die USA und England – unangenehme Dinge über den Irakkrieg angesprochen. Eine Fortsetzung der Serie läuft bereits in den USA.
RTL 2, Sonntag, 22.35 Uhr
Tatort: Hanglage mit Aussicht
Der Termin ist geschickt gewählt. Nach der langen Sommerpause der „Tatort“-Reihe ist der Zuschauer schließlich froh, dass von diesem Sonntag an endlich wieder neue Fälle gezeigt werden. Und da der von Sabine Boss inszenierte Film bei vielen durch schöne Natur- und Landschaftsaufnahmen bestimmt hoffentlich angenehme Urlaubserinnerungen wachrufen wird, ist man beim Betrachten dieses Luzerner-„Tatorts“ (Drehbuch: Felix Benesch) eher gnädig gestimmt. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der gezeigte Film für die beliebte Reihe von unterdurchschnittlicher Qualität ist, formal wie inhaltlich.
Schauplatz ist die auch real vorhandene Wissifluh oberhalb des Vierwaldstättersees. Eine „Hanglage mit Aussicht“, auf der sich der alte Gasthof der Familie Arnold befindet Am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, findet dort wie jedes Jahr ein kleines Fest statt. Dazu reist auch der Investor Gross an – mit einem Hubschrauber, der nicht nur mächtig Staub aufwirbelt. In seiner Begleitung ist der wichtige Lokalpolitiker Mattmann (Jean-Pierre Cornu), der im Lauf des Abends in einer kleinen Rede seine Zuhörer ermahnt: „Die Schweiz gehört uns allen“. Doch zu diesem Zeitpunkt liegt Gross bereits tot an der Seilbahnstrecke.
Als Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Assistentin Liz Ritschard (Delia Mayer) am nächsten Morgen die Ermittlungen aufnehmen, ist schnell klar: Gross ist aus der Seilbahn gestoßen wurden. Hauptverdächtiger ist der aufbrausende Rolf Arnold (Peter Freiburghaus), der den Investor schon kurz nach seiner Ankunft als Lumpenhund und Spekulant beschimpft hat. Auch ein Motiv hat der alte Gastwirt und Bergbauer: Seine Tochter (Sarah Sophia Meyer) hat mit dem wesentlich älteren Mann ein von ihm unerwünschtes Verhältnis gehabt. Außerdem bestanden offenbar Pläne, den hoch verschuldeten Gasthof für viel Geld umzubauen. Obwohl die Indizienlage gegen Arnold spricht, glaubt der Kommissar nicht an dessen Schuld und ermittelt weiter. Dabei stößt er bald auf eine Spur, die üble Machenschaften erahnen lässt zwischen Politikern, einer Bank und Immobilienhändlern. Ist Arnold also das Opfer einer Verschwörung? Und wer hat dann Gross aus der Seilbahn gestoßen?
Erzählt wird hier ein klassischer „Wer war es“-Fall, dem jedoch überraschende Wendungen und aufregende Szenen fehlen. Schon der Titel, der an Immobilienanzeigen erinnert, deutet ja bereits an, wo der Täter vermutlich zu suchen ist. Zudem sind die Dialoge meist recht banal. Sie erläutern bisweilen sogar überflüssigerweise Dinge, die der Zuschauer eh gleich im Bild sieht: „Jetzt müssen wir Gas geben, Mattmann wartet schon“. Und auf diese Art hat man bereits in den siebziger Jahren Krimis gedreht. Ein Stilelement, das heute jedoch nur noch angestaubt und auf den Zuschauer entsprechend narkotisierend wirkt.
Einziger Lichtblick ist Kommissar Flückiger, der in seinem dritten „Tatort“-Fall bärbeißige Einzelgänger-Fähigkeiten – allerdings mit angezogener eidgenössischer Handbremse – entwickelt, sich dabei ganz unterhaltsam mit Lokalgrößen und Vorgesetzten anlegt. Und sich auch mit seiner Assistentin ein paar nette Nickligkeiten gönnt. Doch bei aller Kritik, einer zumindest wird von diesem Krimi profitieren: der Wirt von der echten Wissifluh, der bestimmt neue Gäste begrüßen wird. Ihm sei das zwar aufrichtig gegönnt, aber muss man deswegen gleich einen 90minütigen Film drehen?
ARD, 26.08.2012, 20:15 Uhr
Eins Festival, 26.08.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 26.08.2012, 23:45 Uhr
Kritik: Ted
Alles was man bisher über Teddybären dachte oder wusste, kann man nun getrost vergessen. In „Ted“ rülpst und flucht der sprechende (und am Computer animierte) Plüschbär nicht nur unentwegt. Nein, er kifft, klopft politisch unkorrekte Sprüche und ist ständig hinter Frauen her. Obwohl die Spielzeugfirma, die ihn einst hergestellt hat, vergessen hat, ihn mit einem Penis auszustatten. Was unser Ted natürlich wütend in Beschwerdebriefen an die Firma beklagt. Verantwortlich für diesen kuriosen Gesellen ist Regisseur und Drehbuchautor Seth MacFarlane, der sich auch die rabiat komischen TV-Comichelden „Family Guy“ und „American Dad“ ausgedacht hat und der zudem, wie sein erster Realfilm durch zahlreiche Zitate zeigt, eine große Vorliebe für die Popkultur vergangener Jahre pflegt.
Ins Leben tritt dieser Ted Weihnachten 1985 in Boston als Geschenk für den kleinen John. Und weil der Knabe sich immer schon einen richtig guten Freund gewünscht hat, ist der Plüschbär plötzlich über Nacht quicklebendig. Ein Weihnachtswunder! Auch später noch ist er der ständige Begleiter des inzwischen erwachsenen John (Mark Wahlberg). Beide hängen den ganzen Tag gemeinsam rum, kiffen und schauen alte TV-Serien wie „Flash Gordon“. Was jedoch Johns Freundin Lori (Mila Kunis) zunehmend auf die Nerven geht. Schließlich muss er sich entscheiden zwischen ihr und dem Bären. Und das hat aufregende Folgen.
Zwar werden sich auch Kinder an diesem chaotischen Bären erfreuen, aber in allererster Linie richtet sich „Ted“ an ein erwachsenes Publikum. Und vor allem an 30- bis 40jährige Zuschauer, die sich noch an die TV-Serien der Achtziger erinnern können oder mit „Star Wars“ groß geworden sind. Genau für die ist dieser Film ein herrlicher nostalgischer Spaß. Und alle anderen werden sich zumindest über den ungewöhnlichsten Teddybären der Kinogeschichte amüsieren.
Ted, Regie: Seth MacFarlane, USA 2012, 110 Min., FSK: 12
Kritik: Wanderlust – Der Trip ihres Lebens
Eigentlich müssten angesichts der zahlreichen Klischees, die in diesem Film präsentiert werden, sich einem die (leider) wenigen Haare sträuben. Doch dank der Leistung des Regisseurs und Drehbuchautors David Wain und seinem überzeugenden, weil gut miteinander harmonierenden Hauptdarstellern, Jennifer Aniston und Paul Rudd, ist „Wanderlust – Der Trip ihres Lebens“ eine dennoch durchweg nette und amüsante Komödie geworden. Aniston und Rudd, die schon mehrfach zusammengespielt haben, sind hier das New Yorker Yuppie-Paar Linda und George. Während er hart arbeitet, irgendwas mit Finanzen, versucht sie sich mit depressiven Reportagen als Dokumentarfilmerin selbst zu verwirklichen.
Alles scheint für die beiden in bester Ordnung zu sein, bis George plötzlich seinen Job verliert und Lindas letzter Film von einem Fernsehsender abgelehnt wird. Notgedrungen müssen die zwei ihre teure Mini-Wohnung, ein sogenanntes „Micro-Loft“, verkaufen und beschließen daraufhin in die billigere Provinz zu ziehen zu seinem neureichen Bruder Rick. Doch dann landen sie unterwegs, bei der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit, in einer Hippie-Kommune, und das ungezwungene völlig stressfreie Leben der bunt zusammengewürfelten Bewohner finden George und Linda – zumindest anfangs! – so attraktiv, dass sie beschließen, erst einmal testweise zu bleiben. Ein Beschluss mit (lustigen) Folgen.
Aus der ungewöhnlichen Konfrontation zwischen dem stadtneurotischen Paar und den dauerbekifften, gleichwohl liebenswerten Flower-Power-Freaks bezieht dieser Film vor allem seinen Witz. Dabei macht sich der Regisseur zwar über beide Seiten lustig aber mit stets spürbarer Sympathie für seine Opfer. Zudem gibt es genügend Wortwitz, gelungene Situationskomik und spaßige Gags. Sowie überzeugende Nebendarsteller wie Justin Theroux als Kommunen-Häuptling und Alan Alda, der einen leicht senilen Hippie-Veteranen spielt. Und selbst das absehbare Happy End stört kaum das heitere Vergnügen an diesem Film.
Wanderlust – Der Trip ihres Lebens, Regie: David Wain. USA 2012, 98 Min. FSK: 12
Polizeiruf 110: Bullenklatschen
Eigentlich ist es ein ganz normaler Einsatz: Während eines Hinterhofes-Festes mitten in Halle beschwert sich ein Nachbar wegen der lauten Musik bei der Polizei. Als ein Streifenwagen daraufhin am Ort des Geschehens erscheint, eskaliert jedoch schnell die Situation. Es kommt zu einem Gerangel, Flaschen und Feuerwerkskörper fliegen. Und dann fallen in einer angrenzten Hinterhofwerkstatt plötzlich Schüsse. Ein Streifenpolizist liegt erschossen am Boden, getroffen von einer Kugel aus der Dienstwaffe seiner Kollegin Ilka (Theresa Scholze), die aber zuvor niedergeschlagen worden ist und sich nun an nichts mehr erinnern kann.
Als wenig später die Kommissare Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) sowie ihre junge Kollegin Nora (Isabell Gerschke) am Tatort erscheinen, ist die Lage völlig unübersichtlich. Verdächtig sind gleich mehrere Personen: ein vorbestrafter Autonomer. Ein verurteilter Krimineller auf Hafturlaub, der an dem Hoffest teilgenommen hat. Natürlich auch die junge Polizistin Ilka, die mit ihrem erschossenen Kollegen eine Affäre gehabt hat. Und im Verlauf des Films wird alles noch viel komplizierter, bis schließlich Rosamunde von der Kriminaltechnik (Marie Weigand), die auch schon lange zum Inventar des „Polizeirufs“ aus Halle gehört, das entstandene Wirrwarr auflösen kann. „Wie konnten wir das nur übersehen?“, sagt dann Schmücke und löst den Fall.
Es darf also mal wieder viel gerätselt werden mit den beiden Herberts, den dienstältesten Ermittlern dieser Krimi-Reihe, die hier ihren 49. und vorletzten Auftritt haben. Im kommenden Sommer ist dann für sie mit der 50. Folge Schluss und im wirklichen Polizistenleben wären die zwei wegen ihres Alters (66 beziehungsweise 69) schon vor Jahren pensioniert worden. Dennoch hat man sich an dieses grundsympathische Altherren-Duo gewöhnt, auch an ihre leider zunehmend behäbige Art zu ermitteln. Und richtig aufregend waren die erzählten Krimi-Geschichten in den letzten Jahren sowieso nie. Auch nicht das nun von Thorsten Schmidt nach einem Drehbuch von Matthias Herbert inszenierte „Bullenklatschen“, das jedoch immerhin als gut konstruiertes Krimi-Puzzle durchaus unterhaltsam ist.
ARD, 20.05.2012, 20:15 Uhr
Eins Festival, 20.05.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 20.05.2012, 23:45 Uhr
TV-Kritik: Aufschneider
Zwei Wiener Pathologen unterhalten sich: „Mein Vater ist zu Besuch.“ „Wo? In Wien?“ „Nein, im Kühlhaus.“ – Wer solchen Humor mag, der sitzt beim „Aufschneider“ auf Arte tatsächlich in der allerersten Reihe. Im Mittelpunkt des Films steht der leitende Pathologe Dr. Fuhrmann, den Josef Hader kongenial verkörpert. Und wer den österreichischen Autor, Schauspieler und Kabarettisten von seinen früheren Arbeiten (unter anderem: „Indien“, „Ein halbes Leben“, „Der Knochenmann“) kennt, weiß sofort, was ihn erwartet: echter Wiener Schmäh, tiefster Weltschmerz und ganz gemeine Scherze.
All das bietet auch dieser von David Schalko inszenierte dreistündige Zweiteiler, den der Regisseur zusammen mit Hader schrieb und den Arte nun an einem Abend ausstrahlt. Da in seiner Heimat Österreich bei der Erstausstrahlung 2010 mehr als 30 Prozent der TV-Zuschauer zugeschaut haben, ist eine Fortsetzung bereits angedacht. Und anfangs sind sogar eine sechsteilige Serie sowie ein Kinofilm geplant gewesen. Schade, dass daraus nichts geworden ist.
Das Reich unseres Dr. Fuhrmanns liegt im neonbeleuchteten Untergeschoss eines kleinen Wiener Krankenhauses, wo der kettenrauchende Arzt meist die genauen Todesursachen der gerade verstorbenen Patienten untersucht. Und dabei vor seinem Mikroskop schon einmal ins Schwärmen gerät: „Krebs ist wunderschön, wie ein psychodelisches Gemälde aus den Sechziger Jahren“. Im Beruf ist der stets übelgelaunte, schroffe und zynische Fuhrmann durchaus erfolgreich, privat jedoch ein absoluter Totalversager.
Seine Frau (Ursula Strauss) hat ihn vor zwei Jahren bereits verlassen, auch das Verhältnis zu seiner Tochter (Tanja Raunig) ist alles andere als bestens. Dass seine Kollegin Wehninger (Pia Hierzegger) längst mehr als eine Auge auf ihn geworfen hat, dies will Fuhrmann anfangs nicht wahr haben. Und kann er wohl auch selber nicht verstehen. Zudem ist diese Wehninger wie auch die anderen Mitarbeiter der Pathologie eine ziemlich skurrile Figur, ja psychisch sogar arg angeknackst. Und ihre Leidenschaft für Morbides sorgt im Verlauf des Films dann für einige lustig-dramatische Turbulenzen. Die größten Probleme bereitet Fuhrmann jedoch der Chefarzt und Chirurg Böck (Oliver Baier), einem aus seiner Sicht arroganten und unfähigen Fatzke, dem er verzweifelt versucht, einen Kunstfehler nachzuweisen. Als Böck dann auch noch eine Affäre mit seiner ehemaligen Frau beginnt, bricht für Fuhrmann die Welt endgültig zusammen.
Das alles ist im Grunde menschlich ziemlich tragisch und Fuhrmann eine zutiefst tragische Figur, aber wie dies hier mit schwärzestem Humor aufbereitet wird, das ist für den Zuschauer unglaublich komisch. Neben diesen eher privaten Dingen werden auch fast klassische Krankenhausgeschichten erzählt, aber stets aus der endgültigen Sicht von ganz unten, von der Pathologie aus. Und es gibt zudem eine kleine eingestreute Krimi-Handlung um den illegalen Handel mit Augen-Hornhäuten Verstorbener, bei der die einzig Hochdeutsch-Sprechende im Film, eine Bestatterin (Meret Becker), die zentrale Rolle spielt. Der überwiegende Teil dieser äußerst sehenswerten Komödie ist jedoch in (gemäßigter) Wiener Mundart gedreht, was auch einen weiteren Reiz des Films ausmacht, allerdings ihn nicht nur für norddeutsche Ohren eher schwer verständlich macht. Daher hat Arte ihn teilweise mit deutschen Untertiteln versehen und daher sollte man ihn auch nördlich der Donau auf keinen Fall verpassen.
Arte, 18.05.2012, 20:15 Uhr
Arte, 01.06.2012, 01:00 Uhr
Kritik: Our Idiot Brother
Wer so freundlich, ehrlich und kindlich-naiv ist wie Ned (Paul Rudd), der ist in unserer bösen Welt leider ein Außenseiter. Rein äußerlich ist der Enddreißiger ein Bilderbuch-Hippie mit Zottelbart und langen Haaren. Er arbeitet als Bio-Bauer auf Long Island und lebt genügsam mit seiner Freundin und seinem geliebten Hund „Willie Nelson“ zusammen. Und dass ihn irgendjemand mal reinlegen könnte, kann Ned sich überhaupt nicht vorstellen. So verkauft er tatsächlich einem uniformierten Polizisten auf einem Bio-Markt ein kleines Päckchen Marihuana, weil der ihn eben so freundlich danach gefragt hat. Und dass derselbe Polizist ihn deswegen kurz darauf wegen Drogenhandels verhaftet, nimmt er nur lächelnd zur Kenntnis.
Als Ned nach ein paar Monaten aus der Haft entlassen wird, lebt seine Freundin bereits mit einem anderen Mann zusammen. Notgedrungen kommt er erst einmal bei seiner Mutter (Shirley Knight) unter und als bei einem Familientreffen seine drei Schwestern ihm ihre Hilfe anbieten, nimmt er die gern an und fährt zu ihnen nach New York. Zuerst besucht er Liz (Emily Mortimer), eine frustrierte Hausfrau mit zwei Kindern. Danach die Journalistin Miranda (Elizabeth Banks), bei der es im Job heftig kriselt. Und schließlich Natalie (Zooey Deschanel), die mit einer Frau zusammenlebt, aber gerade eine Affäre mit einem Mann hat. Alle drei Schwestern haben also selbst Probleme genug und durch Neds Anwesenheit geraten sie erst recht in richtig heftige Lebenskrisen. Obwohl er es eigentlich nur gut mit ihnen meint.
Wie dieser Ned das Leben seiner Schwestern durcheinanderbringt, wird mit erstaunlich viel Situationskomik erzählt. Dabei werden die Figuren jedoch nie vom Regisseur Jesse Peretz der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern bleiben bis zum Schluss sympathisch. Doch eindeutiger Star des Films ist Paul Rudd, der bisher auf Rollen als gutaussehender Frauenschwarm in romantischen Komödien abonniert gewesen ist und den viele wohl auch aus der TV-Serie „Friends“ kennen. Hier spielt er so erfolgreich gegen dieses glatte Schönlings-Image an, dass man seinen herzensguten Antitypen Ned einfach mögen muss. Eine tolle Leistung!
Kritik: Das Geheimnis in Siebenbürgen
Einen ungewöhnlichen Heimatfilm zeigt das ZDF mit „Das Geheimnis in Siebenbürgen“. Und wohl viele der hoffentlich zahlreichen TV-Zuschauer werden dabei eine Region in Europa ein bisschen kennen lernen, von der sie zuvor kaum etwas gewusst haben. Dabei ist Siebenbürgen (oder Transsilvanien) das Zentrum des EU-Staates Rumänien und früher Heimat einer ehemals großen deutschen Minderheit, den Siebenbürger Sachsen, von denen aber nach dem Fall der kommunistischen Diktatur Ende der Achtziger Jahre rund 90 Prozent das Land verlassen haben. Und bekannt sind vielleicht noch siebenbürgische Städte wie Hermannstadt oder Klausenburg.
Nach Siebenbürgen verschlägt es auch Lukas Schauttner (Oliver Stokowski). Er ist Teilhaber einer Berliner Firma für Unternehmensberatung und soll im fernen Rumänien eine Fabrik begutachten und am besten abwickeln. Die Fabrik gehört zu einem deutschen Konzern, geleitet wird sie von einem Deutschen (Jürgen Tarrach), und sie diente eigentlich nur dazu, um an Gelder der EU zu kommen. Das hat sich nun inzwischen jedoch erledigt. Schauttner will diesen Job erst nicht antreten, ja, er sträubt sich anfangs mit Haut und Haaren dagegen. Und der Grund für sein ungewöhnliches Verhalten liegt in seiner Herkunft.
Die Schauttners stammen nämlich aus Siebenbürgen. Lukas selbst hat die ersten Jahre seiner Jugendzeit dort verbracht, bis seine Familie und er 1987 nach Deutschland, dem „Altreich“, wie es später im Film mal heißt, umgesiedelt sind. Und offenbar hat Lukas nicht nur schöne Erinnerungen an seine Heimat, wo er sich das erste Mal verliebt hat, sondern es sind wohl auch schlimme Dinge passiert. Vorfälle, die er nur mühsam und offenbar nicht besonders erfolgreich verdrängt hat. Und von denen er heute am liebsten nichts mehr wissen will.
Auch Lukas alter Vater und besonders seine Mutter reagieren erschrocken, als sie von den Reiseplänen ihres Sohnes hören. Und seine Frau Doris (Katharina Böhm) ist über das plötzlich seltsame Verhalten ihres Mannes höchst irritiert. Als Lukas schließlich doch fährt, ist ihm seine alte Heimat gar nicht so fremd, wie er dachte, ja, er erliegt sofort dem Charme der Menschen und der Schönheit der fast unberührten Landschaft, trifft sogar seine alte Jugendliebe (Dorka Gryllus) wieder. Alles scheint also besser zu laufen, als erwartet. Doch dann kommt er langsam einem bitteren Familiengeheimnis auf die Spur.
Genau an diesem Punkt der Geschichte, die natürlich noch viel komplizierter ist, entwickelt der von Martin Enlen nach einem Drehbuch von Thomas Kirchner inszenierte Film plötzlich Spannung wie in einem Krimi. Und bei Lukas Nachforschungen, die sich fast zu einer kleinen Geschichtsstunde über die deutsche Minderheit in Siebenbürgen entwickeln, kommen tatsächlich unglaubliche Dinge ans Tageslicht. Und gleichzeitig erfährt der Zuschauer anschaulich, unter welch widrigen Bedingungen die Menschen heute in dem sogenannten Billiglohnland Rumänien arbeiten und leben. Dass sich der Regisseur angesichts all dieser angerissenen Themen, Fragen und Probleme nicht verhebt, liegt jedoch vor allem an Hauptdarsteller Stokowski, der mal wieder beweisen darf, dass er auch dramatische Rollen meisterlich beherrscht.
EA: 14.5.2012, 20.15 Uhr (ZDF)