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TV-Kritik: Schreie der Vergessenen
Der kommerzielle Privatsender Pro7 macht es tatsächlich möglich: Junge Absolventen und Studierende der Filmakademie Ludwigsburg drehen einen gut 90 Minuten langen Fernsehfilm und der Sender zeigt ihn unter dem Titel „Schreie der Vergessenen“ zur besten Sendezeit. Und vereinbart ist sogar eine feste Kooperation zwischen den beiden Parteien, bei der jährlich zwei Filme für Pro7 und Sat.1 entstehen sollen. Eigentlich ein Projekt, dass auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gut zu Gesicht stehen würde.
Für den 34-jährigen Regisseur Lars Henning Jung, selbst Absolvent der Akademie, ist das jedenfalls eine Premiere. Der Film ist nach seinem viel gelobten Kinofilm „Höhere Gewalt“ (2008) sein Fernseh-Debüt, bei dem er nach einem Drehbuch von Axel Melzener erstaunlich nassforsch, aber mittlerweile durchaus legitim mit dem schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte umgeht: Mit der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Minderheiten während des sogenannten Dritten Reichs. Genauer gesagt geht es um die ganz späten Folgen der grausamen Zwillingsexperimente des KZ-Arztes Josef Mengeles. Und um die eigentlich unglaubliche Tatsache, dass auch heute noch an den Hochschulen organische Präparate aus den Konzentrationslagern zu Forschungszwecken verwendet werden.
Kein Wunder also, dass es spukt. Schauplatz ist die Uni Stuttgart. An der Medizinischen Fakultät geschehen nicht zum ersten Mal mysteriöse Dinge, die auf den ersten Blick wie ein Anschlag Rechtsradikaler ausschauen. Große Glasfassaden zerbrechen bei einer Veranstaltung urplötzlich und dabei wird ein Hakenkreuz aus Scherben sichtbar. Der junge Kommissar Bernau (Vinzenz Kiefer) übernimmt diesen seltsamen Fall und ermittelt hartnäckig, auch gegen den Widerstand seiner Vorgesetzten. Als er eines Nachts allein an den Tatort zurückkehrt, trifft er eine kleine Gruppe von Parapsychologen unter Leitung des Freiburger Professors Angerer (Manfred Zapatka), die ebenfalls die unerklärlichen Vorgänge untersuchen. Und Bernau schließt sich ihnen – anfangs widerwillig – an.
Dann wird es richtig gruselig. Bei seinen nächtlichen Nachforschungen in der menschenleeren Uni hat unser Kommissar plötzlich eine Erscheinung. Er sieht ein etwa siebenjähriges, schwarzhaariges Mädchen, das ihn erst am Arm packt und dann mit einem Finger bohrend auf ihn zeigt – und anschließend wieder verschwindet. Bernau, der bisher nicht an Übersinnliches geglaubt hat, ist schockiert und kann sich das alles nicht erklären. Als die Freiburger Parapsychologen dann das Medium Morgana (Germany’s-Next-Topmodel-Gewinnerin Barbara Meier in ihrer ersten Filmrolle) um Hilfe bitten, kommen sie schließlich einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur.
Natürlich ist das alles trotz der historischen Anspielungen ziemlicher Humbug. Auch die Erzählweise ist zuweilen etwas holprig. Gleichwohl ist die Mischung aus Mystery und Krimi stimmig, auch die Spukeffekte sind ganz ordentlich, obwohl man Ähnliches schon öfter gesehen hat. Und natürlich darf man eine solche Nachwuchsproduktion nicht mit Hollywood-Filmen vergleichen. Daher ist „Schreie der Vergessenen“ für Freunde unheimlicher Geschichten alles in allem doch recht unterhaltsame Fernsehkost.
Pro7, Donnerstag 27.10., 20.15 Uhr