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TV-Kritik: Tatort – Unvergessen
Armes Kärnten! So schlecht drauf war Moritz Eisner noch nie. In seinem 30. „Tatort“-Fall „Unvergessen“ hat es den Wiener Chefinspektor des österreichischen Bundeskriminalamts nach Kärnten verschlagen, und dort geht ihm nun wirklich alles schrecklich auf die Nerven. Für ihn sind die Einheimischen ewiggestrige Hinterwäldler, die Fremde misstrauisch beäugen. Vor allem wenn sie aus der fernen Großstadt Wien kommen und in der braunen Vergangenheit dieser Region herumstochern. Die Volksmusik, die man in Kärnten pflegt, ist für ein Eisner nur ein schreckliches Gedudel. Und als er am Schluss nach einem tollen Showdown den Täter gestellt hat, dreht unser Chefinspektor ihm plötzlich den Rücken zu, sagt gelangweilt: „Sie sind festgenommen.“ Und geht angewidert davon. Ein ganz starker Auftritt!
Ein Land, das solch schlechtgelaunten Polizisten hat, braucht sich um seine Komödianten nicht zu sorgen. Sie finden hier genügend Stoff. Und Harald Krassnitzer zeigt als Moritz Eisner, dass er über sehr viel komödiantisches Talent verfügt. Dass ihm in dieser Rolle nicht nur eine Laus, sondern gleich eine ganze Elefantenherde über die Leber gelaufen ist, hat natürlich seinen Grund. Ihn erfährt der Zuschauer gleich am Anfang, der so schnell und kompakt inszeniert ist, dass man ihn auf keinen Fall versäumen sollte: Bei einer privaten Reise nach Kärnten wird Eisner offenbar Zeuge eines Verbrechens. Er ruft über Funk Kollegen um Hilfe. Wird kurz darauf auf einem Parkplatz eines Steinbruchs von hinten in den Kopf geschossen, landet mit einem Geschosssplitter im Gehirn auf der Intensivstation und leidet von nun an, auch noch nach seiner Entlassung, unter Amnesie.
Da er sich nicht mehr erinnern kann, was zu diesem bösen Zwischenfall geführt hat, fährt er nach diesem aktionsreichen Schnelldurchlauf auf eigene Faust von Wien aus an den Ort des Geschehens. Er will dort trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustand der Wahrheit auf den Grund gehen. Er befragt Leute, die ihm aber auch nicht helfen können – oder wollen. Und besucht natürlich den besagten Steinbruch. Unterstützt wird er bei diesen privaten Ermittlungen von seiner Assistentin Bibi Fellner (wunderbar: Adele Neuhauser), die ihrem Chef besorgt nachgereist ist und sich nun richtig empathisch um ihn kümmert.
Erst von einer Supermarkt-Kassiererin bekommt er schließlich den entscheidenden Tipp. Sie erinnert sich, dass er vor Wochen bei ihr Rosen und eine Flasche Champagner gekauft hat. Und nach den Weg zu einer Berghütte gefragt hat. In der besagten Hütte kann sich dann der Chefinspektor an die Journalistin Maja erinnern, mit der er dort verabredet gewesen ist. Und mit der vor Jahren ein Verhältnis gehabt hat. Die weiteren Ermittlungen ergeben dann, dass die Journalistin in dieser Gegend für eine Reportage recherchiert hat. Dabei ging es um ein grausames Verbrechen, dass die SS dort kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begangen hat. Und von dem man heute nichts mehr wissen will. Kurz danach wird Majas Leiche im Kofferraum ihres Autos gefunden, das im See des Steinbruchs versenkt worden ist.
Was an dem folgenschweren Tag genau geschehen ist, bleibt jedoch lange Zeit auch für den Zuschauer ein spannendes Rätsel. Es wird erst nach und nach in diesem rundum gelungenen ORF-„Tatort“ gelöst. Inszeniert und geschrieben hat diesen überraschungsreichen Film Christiane Hörbigers Sohn Sascha Bigler, der dabei gekonnt beweist, dass man ein schweres Thema wie hier die Verbrechen der SS in einem Krimi behandeln kann, ohne dass dies aufgesetzt wirkt. Kurzum: Eine sehenswerte Reise ins schöne Kärnten!
ARD, 20.05.2013, 20:15 Uhr
ARD, 21.05.2013, 01:10 Uhr
Tatort: Borowski und der brennende Mann
Beim zuständigen NDR arbeiten offenbar Sadisten: Da ist man als Fernsehzuschauer schließlich heilfroh, dass nach einem nicht enden wollenden Winter endlich Frühling ist, und dann spielt am zweiten Mai-Sonntag dieser Kieler „Tatort“ ausgerechnet kurz vor Weihnachten im (echt!) verschneiten Schleswig-Holstein!! Dass man beim Zuschauen nicht fröstelnd sofort erneut einer späten Winter-Depression verfällt, verhindert dann nur der starke Auftritt einer wirklich (Pardon:) süßen Dänin, der Schleswiger Kommissarin Frau Einigsen (gespielt von der Schwedin: Lisa Werlinder). Und selbst der ansonsten ja so knurrige Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) wird von der guten Laune dieser lebensfroh witzigen und auch noch attraktiven Frau so angesteckt, dass sich der einsame Wolf von der Kieler Förde fast in sie verliebt. Was dann für ein paar herrlich komische Momente ausgelassenen norddeutschen Humors sorgt, die allein schon das Einschalten lohnen.
Der Film beginnt jedoch erst einmal mit einer Weihnachtsfeier samt Wichteln im Kieler Mordkommissariat, bei der Borowskis Vorgesetzter, Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel), plötzlich überstürzt aufbricht. Er hat einen ominösen Brief mit einer Einladung zum Lucia-Fest an einer dänischen Schule in Schleswig erhalten, wo er dann wenig später Zeuge eines grausamen Verbrechens wird. Während die Schüler und Eltern gerade dieses vorweihnachtliche Lichterfest feiern, steht plötzlich ein Mann in Flammen: Michael Eckart, Schulleiter und Mitglied der dänischen Minderheit. Für ihn kommt alle Hilfe zu spät. Und das ist nur Auftakt einer kleinen Mordserie.
Die zuständige Kommissarin ist die schon erwähnte „Frau Einigsen“ (so wird sie im Film nur genannt). Da es jedoch ihr erster Mordfall ist, bittet sie ihren erfahrenen Kollegen Borowski samt Assistentin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) um Amtshilfe. Bei den Ermittlungen verhält sich Schladitz, mit dem Borowski eigentlich eine alte Männerfreundschaft verbindet, äußerst seltsam, ja ihm gegenüber sogar abweisend. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Schladitz, der offenbar mehr über die Hintergründe des Verbrechens weiß, aber nicht darüber sprechen will, erleidet zusammen mit Sarah Brandt einen schweren Verkehrsunfall. Und Borowski hat den Verdacht, dass seine Assistentin den verunglückten Wagen gelenkt hat. Obwohl sie ihm versprochen hat wegen ihrer Epilepsie nicht mehr Auto zu fahren.
In „Borowski und der brennende Mann“ geht es neben der üblichen kriminalistischen Arbeit also auch um Vertrauen unter Kollegen und Freunden. Und unser Kieler Kommissar wirkt bisweilen ziemlich ratlos und sogar gekränkt, weil er einfach nicht mehr weiß, ob er sich auf seinen Chef und seine Assistentin noch verlassen kann. Eine interessante, weil psychologisch ziemlich komplizierte Situation, die im Film spannend entwickelt wird. Diese eher privaten Probleme sind zudem geschickt verknüpft mit einer klassisch anmutenden Rachegeschichte, bei der es um Schuld und Sühne, aber auch um einen kaum noch bekannten Fall von Fremdenfeindlichkeit aus der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte geht. Auch das ist sehenswert.
Inszeniert hat den Film nach einem Drehbuch von Daniel Nocke der Regisseur Lars Kraume, der bisher vor allem für den Frankfurter-„Tatort“ gearbeitet hat. Aber selbst er hat offenbar nicht auf eine für diese Krimi-Reihe übliche Macke verzichten wollen: Wenn eine kleine Nebenrolle mit einem ungewöhnlich prominenten Darsteller besetzt ist, dann ist er in 99 Prozent aller Fälle der Täter. Und genau das ist leider auch hier der Fall.
(Eine recht eigenwillig gekürzte Fassung dieses Textes ist in der Hannoverschen Allgemeinen erschienen)
ARD, 12.05.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 12.05.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 12.05.2013, 23:45 Uhr
ARD, 14.05.2013, 00:35 Uhr
Tatort – Wer das Schweigen bricht
Deutsche Schauspieler, die nicht bei drei auf dem Baum sind, werden Kommissar beim ARD-„Tatort“. Diesen Eindruck vermitteln derzeit jedenfalls die zahlreichen Neuzugänge bei der populären Krimi-Reihe. So hat bekanntlich erst kürzlich Til Schweiger in Hamburg gleich reihenweise Bösewichte ins Jenseits genuschelt, Devid Striesow sich durch die saarländische Provinz kaspern dürfen und in zwei Wochen tritt dann ebenfalls in der Hansestadt Wotan Wilke Möhring seinen Dienst an. Zuvor hat bereits Jörg Hartmann als Dortmunder-Kommissar viel Autoblech zerschlagen und zu Weihnachten wird dann gleich mit Nora Tschirmer und Christian Ulmen in Weimar ein neues Duo an den Start gehen. Bei soviel Veränderung sage noch einer, die ARD traue sich nichts.
Doch nun steht erst einmal ein Abgang an. Nach nur fünf Folgen verlässt an diesem Sonntag Nina Kunzendorf das Frankfurter-„Tatort“-Team um Hauptkommissar Frank Steier alias Joachim Król. Angeblich, weil sie sich nicht auf die Rolle der schrägen Ermittlerin Conny Mey reduzieren lassen will. Und diese Entscheidung ist jammerschade. Zwar sind ihre Auftritte anfangs arg überzeichnet gewesen, doch inzwischen hat sie das übertrieben locker-flockige Machogehabe abgelegt und agiert trotz ihrer immer noch gewöhnungsbedürftigen Cowboystiefel wesentlich ernster, tiefer und mit einer Spur schöner Melancholie. Und schafft so mit eine wunderbare Stimmung, die auch ihren letzten Fall „Wer das Schweigen bricht“ bestimmt, den Regisseur Edward Berger erneut nach einem Drehbuch von Lars Kraume in Szene gesetzt hat
Wie bisher alle Folgen mit Steier und Mey basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit, die der Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen“ geschildert hat. Tatort ist ein Frankfurter Jugendgefängnis, wo nachts ein Strafgefangener in seiner Zelle ermordet wird. Doch wie, fragen sich die ratlosen Ermittler, konnte der Mörder in die abgeschlossene Zelle kommen? Und warum wurden dem Opfer vor seinem Tod acht Zehennägel ausgerissen? Die Mitgefangenen des Toten hüllen sich in Schweigen. Auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera helfen den beiden Kommissaren nicht weiter, weil seltsamerweise die entscheidenden Minuten fehlen. Und als sie dann eher beiläufig von den Knastaufsehern erfahren, dass einem weiteren Insassen die Fußnägel gewaltsam entfernt worden sind, wird für sie die Geschichte noch undurchsichtiger.
Erzählt wird also eine klassische „Wer-ist-der-Täter“-Story, die am Schluss dann erstaunlich unspektakulär aufgelöst wird. Manche Dinge sind halt doch ganz einfach. Dennoch fasziniert die düstere Geschichte bis zu ihrem Ende. Vor allem wegen der ungemein stimmigen Atmosphäre, die den Zuschauer dank eines geschickten Zusammenspiels aus Farben, Licht und Musik schnell gefangen nimmt. So wirkt das ach so liberale Jugendgefängnis wie eine eiskalte und nach außen gut abgeschottete Mini-Welt, in der Gruppen aus Deutsch-Russen, Arabern und Neo-Nazis ihre Revierkämpfe gewalttätig austragen. Während das Frankfurter Kommissariat mit seinen holzvertäfelten Gängen eine ernüchternde Finanzamt-Tristesse ausstrahlt.
Aber auch die beiden Kommissare zeigen sich darstellerisch von ihren besten Seiten. Dabei erfährt der Zuschauer, warum Steier stets so übellaunig wirkt, ja, dass er eine Schuld mit sich herumträgt, die er regelmäßig versucht, im Alkohol zu ertränken. Auch der Weggang seiner mittlerweile liebgewonnenen Kollegin Mey an die Polizeischule Kiel schmerzt ihn offenbar heftig. Und sein Versuch, dies mit ziemlich platten Scherzen aus dem vorigen Jahrtausend zu überspielen, geht gehörig schief. Aber, wie sagt seine Kollegin Mey tröstlich lächelnd in der Anfangsszene: „Das Leben geht weiter.“ Und weiter geht’s auch mit dem Frankfurter-„Tatort“, wo in der nächsten Folge Alwara Höfels Steiers Assistentin spielen wird. Ob sie seine feste Partnerin wird, soll allerdings erst im Herbst entschieden werden.
UPDATE: Inzwischen steht die neue Partnerin Króls fest: Margarita Broich.
ARD, 14.04.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 14.04.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 14.04.2013, 23:45 Uhr
ARD, 16.04.2013, 00:35 Uhr
TV-Kritik: Tatort – Schwarzer Afghane
Eines gleich vorweg: In dem „Tatort – Schwarzer Afghane“ fällt kein einziger Schuss. Und gleichwohl ist er spannend, streckenweise sogar witzig. Was vor allem an der guten Leistung von Martin Wuttke liegt, der sich endlich mal in einem Leipziger-„Tatort“ schlecht gelaunt in den Vordergrund spielen darf und auch modisch mit lässiger Schiebermütze eine lustige Figur abgibt. Und schwarzhumorig geht’s auch gleich los. Zwei Jugendliche, die gerade genüsslich einen Joint kreisen lassen, beobachten morgens um sechs Uhr einen Mann. Er kommt aus einem Waldstück, läuft über eine Wiese. Und als einer der Jugendlichen scherzhaft mit dem Joint auf den Fremden zielt, geht der Fremde tatsächlich in Flammen auf und verkohlt bis zur Unkenntlichkeit.
Ein Schock natürlich für die jungen Kiffer und ein Fall für die Leipziger Kommissare Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Wuttke), denen der Zuschauer nun eine Zeitlang bei ihrer akribischen Ermittlungsarbeit über die Schulter schauen darf. Dabei kommt heraus, dass es sich bei dem Toten höchstwahrscheinlich um Arian Bakhtari (Kostja Ullmann) handelt, einem afghanischen Studenten aus Leipzig. Und ausgelöst hat den tödlichen Zwischenfall weißer Phosphor, eine Chemikalie, die sich in der Luft entzündet und die vermutlich auch zu dem Brand in der nur ein paar hundert Meter entfernten Halle eines deutsch-afghanischen Freundschaftsverein geführt hat.
Wie die weiteren Ermittlungen ergeben, besteht ganz offensichtlich ein Zusammenhang zwischen diesen Vorfällen. Zudem ist in der abgebrannten Halle gut eine Tonne Haschisch der Sorte „Schwarzer Afghane“ Opfer des Feuers geworden. Und verdächtig sind viele – beispielsweise ein Speditionsunternehmer (Sylvester Groth), der die Halle vermietet hat und dort womöglich das geschmuggelte Rauschgift versteckt hat, aber auch die Tante des Toten oder sein afghanischer Freund, der plötzlich abgetaucht ist.
Mehr darf an dieser Stelle wirklich nicht verraten werden, weil der Krimi besonders von seinen überraschenden Wendungen lebt. Erwähnt werden muss aber, dass auch in diesem „Tatort“ mit dem militärischen Engagement Deutschlands in Afghanistan mal wieder ein Globalisierungsthema behandelt wird. Es zeichnet ihn jedoch aus, dass diese Problematik zwar recht ausführlich erklärt wird, aber nie auf penetrant pädagogische Art. Außerdem macht es richtig Spaß den im Film gerade aus dem Urlaub zurückgekehrten Keppler bei seiner schwierigen Arbeit zuzuschauen. Sein erstes Opfer ist gleich ein schnöseliger Zollbeamter namens Zöllner, der sein Gepäck am Flughafen filzen will. Dann folgen Zeugen, die er mit ganz kurzen Bemerkungen zur Schnecke macht, während er dagegen mit seiner Kollegin Saalfeld erstaunlich charmant zu flirten weiß.
Inszeniert hat den Krimi – nach einem Drehbuch von Holger Jancke – Thomas Jahn, der schon 1997 bei seiner ersten Regiearbeit fürs Kino, „Knockin’ on Heaven’s Door“, viel komödiantisches Gespür bewiesen hat. Danach aber mit „Kai Rabe gegen die Vatikankiller“ einen so fulminanten Flop inszeniert hat, dass er sich seitdem mit Fernseharbeiten und Werbefilmen übers Wasser halten muss. Dass er immer noch sein Metier beherrscht, beweist er mit diesem „Tatort“.
ARD, 17.03.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 17.03.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 17.03.2013, 23:45 Uhr
Eins Festival, 19.03.2013, 00:35 Uhr
Kritik: Tatort – Zwischen den Fronten
Für Freunde von gepflegten Verschwörungstheorien ist dieser ORF-„Tatort“ ein rechter Augenschmaus. Dabei scheint der Fall anfangs eindeutig zu sein: Am Rande einer UN-Konferenz in Wien explodiert eine Bombe. Der Anschlag hat offenbar einem amerikanischen Diplomaten gegolten, der jedoch unverletzt bleibt. Getötet werden dagegen ein Polizist und der vermeintliche Täter. Ein junger Österreicher irakischer Abstammung und Aktivist einer radikalen Internet-Bürgerrechtsorganisation, der als Gast auf der Konferenz hat sprechen sollen und in dessen Auto die angeblich von ihm gezündete Bombe versteckt gewesen ist. Und der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dem Attentat um einen Selbstmordanschlag mit – natürlich! – islamistischem Hintergrund gehandelt hat.
Dieser Meinung ist auch schnell die eigens gegründete Task Force, die gebildet worden ist aus Beamten des österreichischen Bundeskriminalamtes (BKA) und des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Geleitet wird diese Spezialeinheit von dem hohen BVT-Mann Fred Michalski (gespielt wird dieser “Herr Magister” von dem bekannten Wiener Kabarettisten Alfred Dorfer) sowie der Majorin Melanie Warig (Susanne Wuest). Und da der Fall ja klar zu sein scheint, hofft man die Ermittlungen schnell abschließen zu können.
Doch der BKA-Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Assistentin Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die in untergeordneter Position der Task Force angehören, sind völlig anderer Meinung. Besonders Eisner vermutet, dass die wahren Gründe des Anschlags in einem Eifersuchtsdrama liegen. Und zudem spielt für ihn der BVT-Mann und strammrechte Hardliner Michalski eine zwielichtige Rolle. Dieser will offenbar das Attentat für eigene politische Ambitionen nutzen und wird dabei von einflussreichen Kreisen unterstützt, die sich gerade für verschärfte Sicherheitsgesetze einsetzen. Irgendetwas ist also faul an der ganzen Geschichte – zumindest für Eisner.
Und tatsächlich wird in dem „Tatort – Zwischen den Fronten“ ein richtig pralles Verschwörungsszenario entwickelt, das anfangs für den Zuschauer zwar etwas arg verwirrend ist, aber dann von dem Regisseur Harald Sicheritz spannend aufgedröselt wird. Außerdem hat er die Geschichte (Drehbuch: Verena Kurth) selbst zum Glück nicht bierernst genommen und entsprechend dann inszeniert. So wirkt der eigentliche Komplott übertrieben abstrus, die dafür Verantwortlichen sind herrlich überzeichnet, ja bisweilen haben sie etwas von finsteren Bilderbuch-Verschwörern. Und das sich im Film entwickelnde Kompetenzgerangel zwischen BKA und BVT wird komisch auf die Spitze getrieben. So läuft beispielsweise in den vermutlich verwanzten Diensträumen Eisners stets extrem laut ein Radio, um dadurch das Abhören zu erschweren. Oder Einsatzbesprechungen werden gleich auf dem Dach des BKA-Gebäudes geführt.
Doch besonders unterhaltsam ist das Auftreten von Eisner und Fellner. Lange hat es nicht einen so grantigen TV-Kommissar zu sehen gegeben, der diesmal sogar einen schrecklich unsympathischen Verdächtigen mit der Faust niederstreckt. Angesichts dieses handgreiflichen Wiener Schmähs bleiben seiner Assistentin, die immer noch den komischen schwarzen Pontiac Firebird ihres Freundes Inkasso-Heinzi fährt, oft nur noch sarkastische Kommentare: „Na, heut kannst du’s aber mit den Frauen“. Und beide Ermittler sind inzwischen so gut aufeinander eingespielt, dass man als Zuschauer nur begrüßen kann, dass sie zukünftig statt wie bisher vier fünf TV-Fälle in zwei Jahren bearbeiten dürfen.
ARD, 17.02.2013, 20:15 Uhr
ARD, 19.02.2013, 00:35 Uhr
Kritik: Tatort – Die schöne Mona ist tot
Wenn alle Träume wie Seifenblasen zerplatzt sind, dann bleibt oft nur graue Tristesse. Diese Erfahrung haben die drei Hauptfiguren in Ed Herzogs „Tatort – Die schöne Mona ist tot“ schmerzhaft machen müssen: Der versoffene Fritz (Ronald Zehrfeld) hat einst von einer Fußballerkarriere geträumt, später viel Geld bei Spekulationen verloren und arbeitet heute in seiner kleinen Gemeinde am Bodensee als Versicherungsvertreter. Der Intellektuelle Christian (Sylvester Groth) hat früher als Journalist viel beachtete Artikel für überregionale Zeitschriften verfasst und verdingt sich nun in der Provinz frustriert als Lokaljournalist. Und seine Frau Mona (Silke Bodenbender) ist in ihrer Jugend ein lebenslustiges Model gewesen und möchte jetzt ein Nagelstudio eröffnen.
Eines Sonntags, als Mona mal wieder abends im Vereinsheim des lokalen Fußballklubs feiert, kommt es zur Katastrophe. Nach einem Streit mit ihrer Jugendliebe Fritz, dem sie ihre ganzen Ersparnisse anvertraut hat, wird sie auf dem Nachhauseweg in ihrem Kleinwagen von einem Pickup von der Straße gedrängt. Ihr Auto stürzt eine tiefe Böschung hinunter, landet direkt am Ufer des Sees. Doch als die Polizei am Morgen danach den Unfall aufnimmt, fehlt von der wahrscheinlich toten Mona jegliche Spur. Ein Fall für die Konstanzer-Ermittler Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel), die recht akribisch diesen Mord ohne Leiche untersuchen und dabei gleich auf mehrere Verdächtige stoßen.
Erzählt wird also ein klassischer „Wer ist der Täter?“-Fall, was angesichts der neuen Vorliebe der ARD für Quatsch-Comedy-„Tatorte“ allein schon recht angenehm ist. Auch die Figuren sind interessant gezeichnet. Und die Ermittlungen erweisen sich dank einiger überraschender Wendungen als spannend. Was diesem Lebenskrisen-Krimi (Buch: Wolfgang Stauch) allerdings völlig fehlt, ist der Witz, auch in den Dialogen. So bleibt nur graue Tristesse.
ARD, 03.02.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 03.02.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 03.02.2013, 23:45 Uhr
ARD, 05.02.2013, 00:35 Uhr
Kritik: Tatort – Machtlos
Die Männerwoche im ARD-„Tatort“ geht weiter: Nach dem Münchener-Duo am vergangenen Sonntag, dem Kölner Ermittlerpaar am Neujahrsabend ermitteln nun die beiden Berliner Kommissare Till Ritter (Dominic Raake) und Felix Stark (Boris Aljinovic). Und die zwei, die sonst leider für eher mäßig aufregende Krimifälle bekannt sind, überraschen in „Machtlos“ mit einem erstaunlich starken TV-Auftritt.
Dabei kommt der Fall ohne die obligatorische Eröffnungsleiche aus, auf Actionszenen wird völlig verzichtet, offensichtliche Brutalitäten bleiben den Zuschauern erspart, stattdessen steht im Mittelpunkt dieses Krimi-Kammerspiels ein spannendes und emotional aufrührendes Psychoduell. Mit einem der interessantesten Täter, der in den letzten Jahren im „Tatort“ zu sehen gewesen ist. Gespielt wird er von Edgar Selge, der hier auch zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Sohn, dem Theaterschauspieler Jakob Walser, vor der Kamera steht.
Geschildert wird in dem Film ein Entführungsfall. Der neunjährige Sohn einer Bankiersfamilie wird in der Wohnung seines Musiklehrers von einem Unbekannten entführt. Ritter und Stark kümmern sich als Kontaktpersonen der Eltern um den Fall. Nach einem Tag zermürbenden Wartens stellt der Entführer (Selge) endlich eine erste Forderung. Er verlangt zunächst 500000 Euro, die ihm am Berliner Alex überreicht werden sollen. Nach der Geldübergabe verhält sich der Täter dann jedoch äußerst ungewöhnlich. Vor den Augen der alles überwachenden Polizei verteilt er in Seelenruhe das ergaunerte Geld an Menschen, die ihm am Alex zufällig begegnen. Und er lässt sich auch noch ohne jeglichen Widerstand festnehmen.
Doch bei den nun folgenden Verhören, aus denen der Film gekonnt seine Spannung bezieht, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Der Entführer verlangt jetzt weitere zehn Millionen Euro und freies Geleit. Andernfalls, so droht er, werde der entführte Junge in seinem Versteck verdursten. Wie sich im Verlauf der Ermittlungen herausstellt, handelt es sich bei dem Täter um Uwe Braun. Ein früherer Unternehmer, dessen Firma durch die Mitschuld des Vaters des entführten Jungen vor Jahren in den Ruin getrieben worden ist. Und der sich jetzt mit dieser Tat nicht persönlich bereichern, sondern, wie er gegenüber seinem Sohn (Walser) sagt, „ein Zeichen“ setzen möchte. Ein Vorhaben, das er mit erschreckend wirkender Ernsthaftigkeit, ja mit eiskaltem Fanatismus umsetzt. Und bei dem er scheinbar auch den Tod seines kindlichen Opfers in Kauf nimmt.
Obwohl diese Tat und ihre Umstände abscheulich sind, bleiben die beiden Kommissare bei den folgenden Verhören fast unmenschlich ruhig und extrem konzentriert. Es gelingt ihnen tatsächlich, Emotionen völlig auszublenden. Es wird weder geschrien, noch werden Türen geknallt oder wird gar mit Gewalt gedroht. Und Raake und Aljinovic, die sich wie der Regisseur und Autor Klaus Krämer für diese Szenen vom Berliner LKA intensiv beraten ließen, spielen dieses alles richtig gut. Eine tolle Leistung, genau wie die von Selge, dem es gelingt, seine Rolle so vielschichtig anzulegen, dass der Zuschauer zwischendurch sogar unweigerlich Verständnis für ihn empfindet.
Kurzum: Im Vergleich mit ihren Kölner und Münchener Kollegen gelingt den Berlinern mit diesem Film ein überraschender Punktsieg.
ARD, 06.01.2013, 20:15 Uhr
Eins Festival, 06.01.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 06.01.2013, 23:45 Uhr
ARD, 08.01.2013, 00:35 Uhr
Kritik: Tatort – Tote Erde
Wenn alle nur das Gute wollen, dann kann auch das bisweilen böse enden. Das beweist anschaulich der neue Stuttgarter-„Tatort – Tote Erde“, den Regisseur Thomas Freundner routiniert in Szene gesetzt hat. Und Krimi-Freunde mit einem genussvollen sonntäglichen Hang zum Bösen müssen jetzt angesichts all des Guten mal richtig stark sein. Jedenfalls verfolgen in dem Film fast alle hehre Ziele: Zwei gutmeinende Studenten kämpfen auch mit illegalen Mitteln für eine gesunde Umwelt. Auch ihre Freundin (Paula Kalenberg) tritt dafür ein, aber legal in einer Firma. Eine reiche Erbin (Katharina Heyer) unterstützt die jungen Leute mit ihrem Geld und plant die Gründung einer Stiftung. Selbst ein industrieller Umweltsünder (Max Waschke) meint es eigentlich eher gut. Die Staatsanwältin Henrike Habermas (neu im Team: Natalia Wörner) kümmert sich derweil als einzige in einer Hochdeutsch sprechenden Umwelt um die schwäbische Mundart, was ja auch was Feines ist, und ist ansonsten schwer verliebt.
Und das ist noch längst nicht alles: Auch die beiden Kommissare menscheln so heftig, dass es auf keine schwäbische Kuhhaut mehr passt: So kümmert sich Sebastian Bootz (Felix Klare) liebevoll um seine schwer erkrankte Frau und will sich ihretwegen auf einen ruhigeren Posten im Innendienst versetzen lassen. Und sein Chef Thorsten Lannert (Richy Müller), der bisher stets kantig und meist unwirsch agierte, ist nicht nur richtig nett, sondern plötzlich so weichgespült sympathisch, dass sogar sein alter Porsche wie eine PS-zahme Familienkutsche erscheint.
Doch wenn einem soviel Gutes widerfährt, dann ist das schon einen bösen Mord wert – dachten sich bestimmt die Drehbuchautoren Wolf Jakoby und Freundner. So wird auch dieser „Tatort“ gleich am Anfang natürlich von einem Tötungsdelikt eröffnet. Opfer ist der junge Umweltaktivist Lukas, der beim Freiklettern an einem ehemaligen Brückenpfeiler regelrecht mit einem Luftgewehr abgeschossen wird. Bei der folgenden Obduktion stellt sich heraus, dass sein Körper hochgradig mit Schwermetallen vergiftet worden ist. Wie später ermittelt wird, hat er kurz zuvor auf einem Recyclinghof Bodenproben genommen, offenbar von stark verseuchter Erde. Die Proben sind jedoch verschwunden. Genau wie Lukas’ Mitstreiter Timo (Philipp Quest), der sich der Befragung durch die Polizei durch Flucht entzieht. Und dadurch nun zum Hauptverdächtigen wird. Aber auch ein eigentlich netter Industrieller hat offenbar Dreck am Stecken.
Die Ermittlungen in diesem Film erweisen sich jedenfalls als schwierig. Und es gelingt dabei dem Regisseur die Zuschauer geschickt auf eine völlig falsche Fährte zu locken. Die Auflösung des Falls ist jedenfalls höchst überraschend. Leider ist alles andere jedoch eher Mittelmaß, wenn auch durchaus unterhaltsam. Die Dialoge sind also wenig originell. Filmisch hat der Krimi auch nicht viel zu bieten, außer ein paar halbherzig inszenierte Action-Einlagen. Und insgesamt wirkt das Ganze sehr schwäbisch hausbacken – trotz exzellenter Darsteller wie Wörner und Waschke. Was beweist: Viel Gutes ergibt leider noch keinen guten Film.
ARD, 21.10.2012, 20:15 Uhr
Eins Festival, 21.10.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 21.10.2012, 23:45 Uhr
ARD, 23.10.2012, 00:35 Uhr
Tatort: Fette Hunde
Lissy, die frühere Assistentin der beiden Kommissare, ist plötzlich wieder da. Und eingefleischte „Tatort“-Fans werden sich bestimmt an sie erinnern. In den Anfangsjahren des Kölner Duos Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) hat Anne Loos diese Lissy gespielt, bis sie 2007 dann den Dienst quittiert hat. In „Fette Hunde“ kehrt Loos nun in diese Rolle zurück, allerdings als Ehefrau eines Afghanistan-Soldaten. Dennoch haben, wie der Film behauptet, Ballauf und Schenk die Jahre über weiterhin Kontakt zu ihrer ehemaligen Kollegin gehalten und sich um sie, wenn nötig, gekümmert. – Dies jedoch ist tatsächlich die einzige frohe Botschaft in diesem „Tatort“. Und auch Loos’ Engagement soll ein Einzelfall bleiben.
Die Geschichte, die Atmosphäre und auch die Bilder in dieser Folge sind für die beliebte Krimi-Reihe ungewöhnlich düster und triste. Die sonst üblichen Kabbeleien zwischen den beiden Ermittlern sind auf ein Minimum reduziert. Verzichtet wird auch auf die für die Kölner Kommissare sonst typischen moralinsauren Dialoge. Die Handlung spricht ja in diesem Fall tatsächlich für sich. Und selbst auf den obligatorischen Anfangsmord muss der Zuschauer einige Zeit warten. Doch dann wird es gleich sehr heftig.
In Köln wird ein Afghane ermordet aufgefunden, der gerade in Begleitung seiner Schwester (Maryam Zaree) aus seiner Heimat nach Deutschland gekommen ist. Als die Kommissare am Tatort erscheinen, werden sie mit furchtbaren Details konfrontiert. Der Tote ist nicht nur erschossen, sondern er ist regelrecht ausgeweidet wurden. Offenbar ist er ein sogenannter Bodypacker gewesen, der Heroin in Kondome verpackt in seinem Körper transportiert hat. Genau wie seine Schwester, die jedoch spurlos verschwunden ist. Die junge Frau ist daher in größter Lebensgefahr, auch durch das geschluckte Rauschgift. Und dieser Tatbestand sorgt von Anbeginn an für ein hohes Tempo, wie man es selten in deutschen Fernsehkrimis erlebt. Da ist für überflüssige Dialoge und genauso überflüssige Erläuterungen einfach mal keine Zeit.
Und die Spur führt schließlich zu einer Gruppe Soldaten, die ebenfalls gerade aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Darunter der Dolmetscher Sebastian Brandt (Roeland Wiesnekker), Ehemann von Lissy. Gezeigt werden in einer Parallelhandlung dann die Schwierigkeiten dieser Männer, sich in ihrer Heimat und in ihren Familien wieder zurechtzufinden. Ja, einzelne Soldaten sind sogar traumatisiert, entwurzelt und völlig perspektivlos. Gezeigt wird dies in Szenen, die trotz einiger Klischees auf den Zuschauer bedrückend wirken. Und auch die beiden Kommissare haben Probleme in diesem Milieu gewohnt nassforsch zu ermitteln.
Doch bei aller Tristesse, dieser Fall ist formal wie inhaltlich einer der besten Kölner-„Tatorte“ der letzten Jahre, der auch mit wunderbaren Bilder beeindruckt, beispielsweise von der einsamen Ermittlungsarbeit im nächtlichen Kommissariat. Ein Kompliment daher an Regisseur und Adolf-Grimme-Preisträger Andreas Kleinert sowie seinen Drehbuchautor André Georgi! Und hoffentlich macht dieser Fall Schule, nicht nur in Köln.
ARD, 02.09.2012, 20:15 Uhr
Eins Festival, 02.09.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 02.09.2012, 23:45 Uhr