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TV-Kritik: Der Mauerschütze

Arte, 29.07.2011, 20.15 Uhr, ARD, 03.08.2011, 20.15 Uhr

Ein rarer Fernsehmoment: Dass eine erst scheue, dann aber doch leidenschaftliche Liebesszene den Zuschauer nämlich so berührt, ja schockiert, ist mehr als selten im deutschen Fernsehen. Und am liebsten würde man gar nicht erst hinschauen oder sogar umschalten. Aber dann ist man doch als Zuschauer seltsam fasziniert. Und das liegt keinesfalls an der erotischen Offenheit dieser Szene, sondern an den handelnden Personen, dem hannoverschen Krebsarzt Stefan und der Ostsee-Fischerin Silke, die von Benno Fürmann und Annika Kuhl so glaubhaft emotional verkörpert werden, dass man aus ganz unterschiedlichen Gründen mit den beiden mitleidet.

Schuld hat die Vorgeschichte der zwei, die zugegeben zuweilen etwas konstruiert wirkt: Der Ost-Berliner Stefan hat in den achtziger Jahren als Grenzsoldat der DDR gedient, weil ihm dies das gewünschte Medizinstudium ermöglichen sollte. Im Frühjahr 1988 kommt es jedoch zu einem blutigen Zwischenfall, bei dem Stefan auf zwei flüchtende DDR-Bürger schießt. Oder schießen muss? Während die junge schwangere Silke verletzt überlebt, stirbt ihr Ehemann noch im Grenzstreifen. Stefan bekommt als Dank des Vaterlandes für seinen vermeintlich mutigen Einsatz ein paar Tage frei, Silke dagegen landet im Gefängnis, wo sie einige Wochen später eine Tochter zur Welt bringt.

Nach diesen atmosphärisch äußerst düsteren Anfangssequenzen macht der Film einen Zeitsprung von 17 Jahren. Stefan ist inzwischen Arzt an einer hannoverschen Klinik. Und kümmert sich liebevoll um einen jungen todkranken, aber erstaunlich abenteuerlustigen Krebspatienten. Als dieser eines Tages Stefan provozierend fragt, was er denn tun würde, wenn er nicht mehr lange zu leben hätte, brechen bei ihm alte Schuldgefühle auf. Und er beschließt an die Ostsee zu fahren, wo, wie er längst herausgefunden hat, die Frau des von ihm erschossenen Flüchtlings mit ihrer Tochter lebt. Und dort eine Pension betreibt, wo Stefan sich einmietet. Doch alle zögerlichen Versuche, Silke seine Tat zu gestehen, scheitern. Stattdessen verlieben sich die zwei schließlich ineinander. Und erst danach gelingt es ihm ihr seine Schuld einzugestehen, in einer hochdramatischen Szene, die mit dem sofortigen Bruch dieser jungen Beziehung endet. Doch viel mehr wollen wir an dieser Stelle nicht vorwegnehmen.

Glaubt man den Berichten und Zeitdokumenten, dann ist dieser Stefan eine Ausnahme. Ein Todesschütze, der seine Tat nicht verleugnet oder rechtfertigt, sondern unter ihr leidet. Und dass solche Täter trotz der Schwere ihres Handelns und vor allem trotz eines Geständnisses durchaus eine lebenswerte Zukunft haben könnten, beweist dieser Film exemplarisch. Aber wie die jüngste Geschichte zeigt, bekannten sich nur die wenigsten der Todesschützen zu ihrer Schuld, viele dagegen rechtfertigten ihre Tat mit der herrschenden Befehls- und Rechtslage der damaligen DDR. Und wenn es zu einem Prozess kam, waren die Urteile meist sehr milde. Im Durchschnitt wurden Strafen verhängt zwischen sechs und 24 Monaten auf Bewährung. Und insgesamt kam es bis 2004 zu 112 Verfahren gegen 246 Personen, etwa die Hälfte dieser sogenannten Mauerschützenprozesse endete mit Freisprüchen. (siehe: Wikipedia)

Dass dieses Thema auf fiktionale Weise in einem Film behandelt wird, ist auch eine Ausnahme und ein Verdienst von „Der Mauerschütze“, den der 1959 in Leipzig geborene Regisseur Jan Ruzicka recht aufwendig und stets einfühlsam inszeniert hat. Und selbst die übertriebenen melodramatischen Momente stören nur wenig. All das ergibt einen spannenden Fernsehabend, der zudem den Schlusssatz des Films eindringlich widerlegt: „Wem,“ sagt Silke, „interessieren noch die alten Geschichten?“ Dann verlässt sie ihr Ostseedorf und zieht ruhelos mit ihrer Tochter weiter. – Begleitet wird der Film bei Arte vom Doku-Drama „Geheimsache Mauer“ (21.40 Uhr) und dem 2010 für einen Oscar nominierten Dokumentarfilm „Mauerhasen“ (23.15).

Kategorien:Uncategorized Schlagwörter: ,
  1. erika
    Juli 30, 2011 um 7:53 pm

    Ein rarer Fernsehmoment? Ein äußerst misslungener Standardfernsehmoment. Es fängt schon an mit dem schlecht recherchierten Fluchtversucht am Anfang. Mit einer Strickleiter über einen Grenzzaun, 1989. Das hätte vielleicht noch in den 60ern geklappt. Das ist nicht nur schlecht konstruiert sondern auch ein Märchen für den Fernsehabend. Der jugendliche Krebspatient der sich penedrant, aufdringlich zum Opfer macht, die Teenagerliebe, die Liebesgeschichte zwischen Täter und Opfer. Das alles ist aufgeblasenes Füllwerk um das eigentlich Thema herum. Die einzig authentisch wirkende Person ist die Freundin des Arztes. Mal wieder eine vertane Chance eine interessantes Thema welches selbst heute noch Aufarbeitung benötigt filmerisch wiederzugeben. Daumen nach unten!

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