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Kritik: Der Chinese

Kurz vor Jahresende präsentiert die ARD noch ein echtes Krimi-Highlight: „Der Chinese“, eine neue Henning-Mankell-Verfilmung von Peter Keglevic und das jüngste sowie größte Werk des 63-Jährigen Autors jenseits seiner Kommissar-Wallander-Reihe, das jetzt auch fast den Rahmen des üblichen Sendeablaufs zu sprengen droht. Fast drei Stunden – ohne Unterbrechung – dauert der Film nämlich, allein das setzt schon eine hohe Konzentrationsfähigkeit bei den Zuschauern voraus. Zudem spielt das Werk auf drei Kontinenten, das Motiv der begangenen Morde liegt mehr als 160 Jahre zurück und thematisiert werden Fragen von Schuld und Sühne, von Kapitalismus und Kolonisation.

Doch keine Bange vor großen Worten: Zuschauen lohnt sich. Der Film ist nämlich nach einem Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer auch äußerst spannend erzählt und fesselt den Zuschauer trotz seiner Länge bis zur letzten Minute. Los geht es allerdings nach gewohnter Schwedenart ziemlich blutrünstig. Ein winziger Ort in der tiefsten schwedischen Provinz wird Schauplatz eines grausamen Massakers. Fast alle Bewohner des Ortes werden bestialisch ermordet, und darunter sind auch die Eltern und Verwandten der Richterin Brigitta Roslin (Suzanne von Borsody). Sie ist eigentlich gerade dabei gewesen, sich von ihrem Mann Staffan (Michael Nyqvist bekannt aus der „Millennium“–Trilogie) zu trennen, reist nun aber sofort an den Tatort.

Dort trifft Roslin auf die eigenwillige Kommissarin Vivi Sundberg (Claudia Michelsen), die anfangs allerdings nicht bereit ist, die Richterin bei deren eigenen Ermittlungen zu unterstützen. Außerdem gibt es bereits einen dringenden Tatverdächtigen, der die Morde auch zugibt, dann aber wenige Tage später sein Geständnis widerruft und Selbstmord begeht. Währenddessen stößt Roslin auf einen weiteren Verdächtigen, auf einen Chinesen, der sich am Tag der Morde in der Nähe des Tatorts aufgehalten hat. Die Spur führt aber nicht nur nach China, sondern auch in die USA, wo auf ähnlich grausame Art vor einiger Zeit entfernte Verwandte von Roslin ermordet worden sind – womöglich auch von einem Chinesen.

Und schließlich, nach etwa 100 Filmminuten, reist die Richterin selbst nach China (gedreht in Taiwan), taucht ab in eine völlig fremde Welt, bekommt das „Lost in Translation“-Feeling, wird mit Ritualen und alten Ehrbegriffen sowie einer schier unerschütterlichen Familientradition konfrontiert. Eine Tradition, die offensichtlich auch nicht vor Morden zurückschreckt. Selbst wenn der Anlass, das Motiv schon lange zurückliegt und tatsächlich, wie in diesem Fall, bis in die Zeit des amerikanischen Eisenbahnbaus führt, bei dem angeworbene oder verschleppte chinesische Arbeiter von ihren „weißen“ Vorarbeitern brutal behandelt worden sind. Was sich nun auf zugegeben recht irrwitzige Weise rächt.

Gewiss, der Fall mag schon arg konstruiert und thematisch überfrachtet sein, dennoch werden auch wir ja immer öfter mit Berichten über merkwürdige Ehrenmorde oder seltsame Blutfehden konfrontiert. Dinge, die wir vor 20 Jahren in Deutschland auch nicht für möglich hielten, die aber durch das immer engere Zusammenrücken fremder Kulturen plötzlich auch vor unserer Tür geschehen. Außerdem zeigt der Film zumindest im Ansatz, dass China offenbar dabei ist, große Fehler der europäischen Kolonisation unter anderem in Afrika zu wiederholen – mit genauso bösen Folgen für Land und Leute.

Aber davon einmal abgesehen, auch als reiner Krimi liefert der Film packende Unterhaltung. So geschickt werden die Spannung und der Horror, mit denen die Richterin konfrontiert wird, gesteigert. Und bald fiebert man tatsächlich mit der eigentlich so resoluten und von Suzanne von Borsody exzellent verkörperten Frau mit.

ARD, 30.12.2011, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 31.12.2011, 20:15 Uhr / Eins Festival, 01.01.2012, 02:15 Uhr

Kategorien:Uncategorized Schlagwörter:
  1. Frank Mebus
    Dezember 31, 2011 um 1:46 pm

    Ja, in der Tat ein packender Krimi. Allerdings auch ein Film der weit unter seinen Möglichkeiten blieb. Mal abgesehen von den Logiglöchern, die so groß waren wie ein
    Schweizer Kaese, war doch mit Susanne von Borsody als Richterin die Rolle eklatant
    fehlbesetzt. Frau von Borsody gehört in PILCHER Verfilmungen aber diese Rolle hätte
    eine sportliche junge Frau bekommen müssen. Gerade ab dem China Abenteuer ging es
    mit dem Film abwärtz. Wie eine ungelenke Frau es schafft vor gefählichen Killern reissaus
    zu nehmen und am Schluss den Obermafioso mit einem einzigen Schuss niederzustrecken,
    dies gehört in das Reich der Fantasie.
    Ach ja, wie konnte die Richterin das Land verlassen, wo doch der Ehemann schon im Flieger saß. Ich denke mal, das Buch hat auf viele Fragen bessere Antworten.

  2. Januar 1, 2012 um 4:11 pm

    Völlig daneben! Bei einem Massenmord diese kleine Mordkommission mit einer „kleinen“ und jungen (erfahrenen?) Kommissarin zu besetzen geht einfach nicht! Der „Polizeichef“ oder Staatsanwalt ? (jedenfalls dieser ältere Herr mit bayrischem Idiom), der kaum einen Satz gerade rauskriegte, war einfach nur lustig. Bei einer derartig Aufsehen erregenden Tat geht jede Polizei in der Welt jeder Spur nach! Hier nicht! Kein rassistisches Motiv? Hahha!
    Wie sich der deutsche Regiseur schwedische Reporter vorstellt, hat man gesehen. Stimmt so aber nicht! Die sind viel gesitteter und ruhiger – nicht so verblödet wie im Film dargestellt. Außerdem betreibt die schwedische bzw. skandinavische Polizei eine viel breitere Medienpolitik. Das zeichnet unsere nordischen Kollegen übrigens aus und sollte in der filmischen Darstellung nicht verhunzt werden.
    Der Rache übende Chinese wurde ausdrücklich als Sohn der von einem Aufseher vergewaltigten und ermordeten jungen Chinesin im Lager ausgewiesen. Hat als kleines Kind alles mitgekriegt! Aber – dazwischen lagen so 150 Jahre! Ich werde mir jetzt erstmal den Originalroman von Mankel besorgen und nachlesen. Ich will sehen, ob schon im Roman der Verfasser beim Schreiben von allen Geistern verlassen war oder dies erst die „Macher“ des deutschen „Schwedenkrimis“ besorgt haben. Statt Frau Borsody hätte besser Bella Block (H. Hoger) in die Rolle gepasst, wenn´s schon eine ältere Dame als Äquivalent zur jungen Kommissarin sein musste. Ich (Kommissar i.R.) werde mich in nächster Zeit jedenfalls verstärkt den echten Schwedenkrimis zuwenden. Wer hat´s erfunden? Die Schweden! Liebe deutsche Filmemacher: Lasst die Finger davon!!!

  3. Januar 21, 2012 um 10:42 am

    Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen schwedischen Thriller verfilmt, kommt nur öffentlich-rechtliches Krimifernsehen dabei raus…
    Die Inszenierung schwach, die Besetzung wie gehabt, die Abweichungen des Drehbuches vom Original aus Kostengründen und Zeitersparnis spürbar.
    Hoffentlich kommt noch eine schwedische Verfilmung!

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