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TV-Kritik: Die lange Welle hinterm Kiel

Ja, sticht das „Traumschiff“ denn nun für die ARD in See? Diesen Eindruck können Zuschauer bekommen, die sich im Ersten den Mittwochsfilm „Die lange Welle hinterm Kiel“ (Regie: Grimme-Preisträger Nikolas Leytner, Drehbuch: Klaus Richter) nur so ganz nebenbei anschauen. Die Kulisse ist jedenfalls ähnlich, obwohl das Luxusschiff in diesem Fall „MS Delphin“ heißt (die mit diesem Fernseheinsatz übrigens nun groß Werbung macht). Auch die Reise- und Ausflugsziele wären ZDF-Serien-tauglich, das Bordpersonal könnte ohne größere inhaltliche Brüche ebenfalls sofort den Fernsehkanal wechseln und selbst der Auftakt des Films erinnert stark an das kitschige „Traumschiff“: Unter den Passagieren, die anfangs an Bord des Schiffes gehen, ist eine schrullige alte Millionärswitwe mit ihrem Neffen und ein betagter Medizinprofessor in Begleitung einer jungen hübschen Frau. Und über alle vier wird von zwei erfahrenen Schiffsangestellten bös gelästert.

Doch der erste Eindruck täuscht. Nach dem harmonisch heiteren Auftakt folgt ein opulentes Dinner an Bord, bei dem plötzlich die Millionärswitwe Margarete Kämmerer (Christiane Hörbiger) erschrickt und leichenblass zu ihrem Neffen Sigi (Christoph Letkowski) sagt: „Der Mann hinter mir, die Stimme kenne ich!“ Hinter ihr sitzt (natürlich) der Medizinprofessor Martin Burian (Mario Adorf) mit seiner, wie sich bald herausstellt, Schwiegertochter Sylva (Veronica Ferres). Und die beiden Alten haben tatsächlich eine gemeinsame tragische Vergangenheit im ehemaligen Sudetenland.

Margarete Kämmerers erster Mann ist nämlich in seiner Heimat aktiver Nazi gewesen, der aber, wie sie gegenüber ihrem Neffen behauptet, auch unter der tschechischen Bevölkerung gut angesehen gewesen sei. Dann aber nach Kriegsende wie viele andere deutsche Männer von den Tschechen liquidiert worden sei, und zu den Verantwortlichen dieser vermeintlichen Morde sowie zahlreicher Vergewaltigungen habe auch Martin Burian gehört. Margaretes Neffe Sigi nimmt daraufhin Kontakt zu Sylva auf, ein Kontakt, der sich schnell zu einer Liebesromanze entwickelt. Und Sylva hört dann von ihrem Schwiegervater eine ganz andere Geschichte. Demnach ist Margaretes erster Mann ein gefürchteter Nazi gewesen, der unter anderem für zahlreiche Morde an der Zivilbevölkerung und an polnischen Zwangsarbeitern verantwortlich gewesen ist.

Nun rund 50 Jahre später verwandelt dieses Zusammentreffen der beiden Alten das Traumschiff für sie und ihre junge Begleitung in ein wahres Alptraumschiff und in eine eigentlich interessante Geschichte ohne Happy End. Die Vorlage dieses Stoffes stammt von dem tschechischen Autor Pavel Kohout und seinem gleichnamigen bei uns 2000 erschienenen Roman. Und thematisiert wird nicht nur die schwierige Vergangenheit zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, sondern auch die unterschiedliche Art wie wir Geschichte erinnern und interpretieren. Was im Fernsehfilm für durchaus spannende Szenen sorgt. Leider aber wirkt vieles im Film zu lehrbuchhaft, zu konstruiert und zu thesenartig dargestellt, so nimmt man beispielsweise den beiden jungen Hauptdarstellern ihre Liebesbeziehung, die natürlich für eine mögliche späte Versöhnung steht, einfach nicht ab.

Schlimmer noch: Der Versuch, der Tragik des Stoffes eine traumhafte Kulisse als Kontrast und Widerspruch gegenüberzustellen, scheitert. Zu erdrückend ist die heitere „Traumschiff“- Urlaubsatmosphäre, die die Geschichte dann auch ständig überlagert. Und da hilft selbst die melodramatische Musikuntermalung nicht.

ARD, 04.01.2012, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 08.01.2012, 12:20 Uhr / Eins Festival, 11.01.2012, 18:30 Uhr
Eins Festival, 12.01.2012, 13:15 Uhr

Kategorien:Uncategorized
  1. Harry Popow
    Januar 6, 2012 um 3:51 pm

    Darf man als Regisseur in der Verfilmung eines Romans nicht ein wenig mehr Tiefe und Gegenwartsbezogenheit hineinlegen? Angesichts der Neonaziszenerie im heutigen Deutschland? Die Schuld am Kriegsgeschehen auch hier nicht nur auf einzelne Personen reduzieren? Nein, da stelzen zwei Alte über das Deck des Schiffes und giften sich wegen damaliger Geschehnisse an. Schuldzuweisungen, die sie sich letztendlich selbst zufügen müssen. So etwas konstruiertes!! Zuerst hoffte ich auf Gedankentiefe, setzte mich im Sessel gar aufrecht hin – und dann diese unglaubhaft in Szene gesetzte Geschichte. So kann sich denn der kleine Philister beruhigt zurücklehnen und die Hände in Unschuld waschen: Ich bin aus allem raus, und was die heute da ganz oben in Sachen Kriegsbeteiligung verzappen oder gar den Neonazis hier und dort noch freie Hand gewähren, da kann ich als „Normalbürger“ ohnehin nichts ändern. Und so torkeln wir in Deutschland und anderswo nach wie vor von Pleite zu Pleite. Doch ein „Traumschiff“, auf dem man ein Fazit ziehen müßte, wird es dann nicht mehr geben – auch ein Später nicht…
    Harry Popow

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