Startseite > Uncategorized > TV-Kritik: Eine Frau verschwindet

TV-Kritik: Eine Frau verschwindet

Holland und Schweden kann man nicht verwechseln? Welch ein Irrtum! Anfangs schaut in „Eine Frau verschwindet“ nämlich alles aus wie in einem Schweden-Krimi. Der Tatort Amsterdam ist grau und triste wie das so gern abgefilmte Stockholm. Der Mordfall grausam und bizarr. Die handelnden Personen wirken durchweg ziemlich schlecht gelaunt. Und der leitende Kommissar Bruno van Leeuwen wird von dem Schweden Peter Haber verkörpert, der schon in der schwedisch-deutschen Krimiserie „Kommissar Beck“ den gleichnamigen Ermittler gespielt hat. Der auch in dieser Rolle wieder ungemein viel Ruhe ausstrahlt, fast emotionslos wirkt, dabei stets äußerst konzentriert ermittelt und eine Spürnase hat wie ein holländischer Sherlock Holmes. Und der übrigens dank eines deutschen Vaters sehr gut Deutsch spricht.

Doch was gleich zu Anfang von „Eine Frau verschwindet“ geschieht, hat selbst van Leeuwen noch nie zuvor gesehen: Ein 13-jähriger Junge wird tot aufgefunden. Und der Täter hat ihm ein Loch in den Gaumen geschlagen, um so das Gehirn zu entfernen. Eine unglaubliche Tat! Als die Ermittler einen Bambussplitter am Tatort finden, hat van Leeuwen den Verdacht, dass es sich womöglich um einen Ritualmord handelt. Und er nimmt Kontakt auf zu einem Spezialisten für solche exotischen Fälle, zu dem Anthropologen Josef Pieters (Tobias Moretti), der über das menschliche Gehirn forscht.

Letzteres interessiert den Kommissar auch aus persönlichen Gründen. Seine Frau Simone (Maja Maranow) leidet an Alzheimer in einem fortgeschrittenen Stadium. Um sie kümmert sich tagsüber eine Pflegerin (Johanna Gastdorf). Und bisher weigert sich van Leeuwen seine Frau, die er immer noch liebt, in ein Heim zu geben. Verzweifelt sucht er stattdessen nach Anzeichen einer Besserung ihrer Krankheit. Und er erhofft sich nun von Pieters, der eben auch über Creutzfeld-Jakob und Alzheimer forscht, Rat und Tat. Der jedoch kann oder will ihm nicht helfen. Gleichzeitig verwickelt er sich jedoch in der Befragung zum vermeintlichen Ritualmord in seltsame Widersprüche.

Erzählt werden in diesem vom Grimme-Preisträger Matti Geschonneck einfühlsam inszenierten Krimidrama gleich zwei Geschichten: der bizarre Kriminalfall und die tragische Erkrankung der Ehefrau des Kommissars, die dann über eine weite Strecke sogar im Mittelpunkt des Films steht. Es ist wirklich anrührend zu sehen, wie liebevoll sich van Leeuwen um seine gleichsam zu verschwinden drohende Lebenspartnerin kümmert, wie er verzweifelt versucht, bei ihr ausgelöschte Erinnerungen wieder wachzurufen. Oder wie er ein letztes Mal mit ihr am Meer spazieren geht. Und trotz der Krankheit reagiert er plötzlich eifersüchtig wie ein Teenager, als er alte Liebesbriefe seine Frau findet, die von einem früheren Geliebten geschrieben wurden. Von dessen Existenz van Leeuwen bisher nichts wusste.

Spannend neben diesem menschlichen Drama ist aber auch der Fall des ermordeten Jungen, den van Leeuwen schließlich mit einer unglaublichen Kombinationskraft löst. Wobei er von einem sympathischen Team (Jasmin Gerat, Marcel Hensema, Patrick Abozen) unterstützt wird. Die Romanvorlage, „Und vergib uns unsere Schuld“, für diesen sehenswerten Film stammt von Claus Cornelius Fischer, einem 61-jährigen Schriftsteller, Übersetzer und Drehbuchautor, der noch drei weitere van-Leeuwen-Krimis geschrieben hat. Und eine weitere Verfilmung soll sogar bereits in Vorbereitung sein. Hoffen wir also auf neue Schweden-Krimis aus Holland.

ZDF, 15.10.2012, 20:15 Uhr

Advertisements
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: