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TV-Kritik: Polizeiruf 110 – Fieber

Der Film fängt an wie in ein ganz normaler Krimi: Ein Junkie (Georg Friedrich) hat in einem Kindergarten Geisel genommen. Es herrscht Chaos, Hektik, Geschrei. Die Polizei ist zwar schon vor Ort, das SEK aber noch nicht eingetroffen. Als die junge Polizistin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) leichtsinnigerweise dann den Alleingang wagt, kommt es zum Schusswechsel. Annas Chef, Hauptkommissar Hanns von Meuffel (Matthias Brandt), wird dabei schwer getroffen, sinkt blutend zu Boden. Auch den Täter hat es bös erwischt.

Dann folgt in dem „Polizeiruf 110 – Fieber“ ein Schnitt. Man sieht nun von Meuffel, wie er in einem Krankenhaus seiner eigenen Reanimation geisterhaft zuschaut. Dazu werden Bilder eingeblendet von einer verschneiten Alpenlandschaft, und aus dem Off erklingt das wunderschön kitschige Lied „I’m in Heaven“ von Fred Astaire. Doch der Himmel muss noch warten. Von Meuffel überlebt natürlich die Operation, ist nun im Verlauf des Films Patient in einem Krankenhaus irgendwo am Rand der Alpen. Und das Hospital wird für ihn bald zur Hölle.

So beginnt einer der ungewöhnlichsten Krimis, die die ARD in der letzten Zeit auf diesem beliebten Sendeplatz gezeigt hat. Ein Film, der das Genre sprengt. Mit Mystery-Elementen arbeitet, Horrorfilme oder Thriller wie den Krankenhaus-Albtraum „Nightwatch – Nachtwache“ zitiert und der – auch das selten im TV zu sehen – allein aus der von Fieber getrübten Perspektive des Kommissars erzählt wird. Wobei der Zuschauer sich dann bisweilen fragt, was wahr und was ein Fiebertraum ist. Aber auch schon die ersten drei Fälle des Krimi-Barons von Meuffel waren ja äußerst ungewöhnlich und spielten mit den Sehgewohnheiten des Krimi-Publikums. Nach der äußerst schrägen Einführung dieser Serie durch Dominik Grafs Film „Cassandras Warnung“ (2011) folgte das beängstigende Attentats-Kammerspiel „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ und zuletzt gab es gar mit „Schuld“ einen Provinz-Western.

Nun spielt also fast die komplette Folge in einem Krankenhaus. Ein Ort, in dem offenbar seltsame Dinge geschehen, eine merkwürdig bedrohliche Stimmung herrscht, die Ärzte Krankenakten manipulieren und offenbar etwas zu verschweigen haben – so sieht es zumindest der fiebernde Kommissar, der nachts nicht schlafen kann, von Albträumen oft gequält wird oder mit dem Infusionsständer durch die ziemlich finsteren Gänge schlurft. Selbst im Flügelhemd oder später im Pyjama mit Pantoffeln beherrscht Matthias Brandt mit seiner alles dominierenden Präsenz die ganze Szenerie. Und wenn er dann in einer hinreißenden Szene einen Witz weitererzählt, über den er zuvor selber nicht lachen konnte, dann ist das ganz großes Schauspieler-Kino.

Doch bald spitzt sich die Lage an der Krankenhausfront zu. Ein Mitpatient und alter Freund des Kommissars verschwindet plötzlich und ist, wie sich später herausstellt, überraschend verstorben. Und die Ärzte wollen das offenbar vertuschen. So beginnt der immer noch schwer angeschlagene von Meuffel auch ohne Auftrag zu ermitteln. Als dann auch noch eine aussagebereite Ärztin tot aufgefunden wird, scheint endlich klar zu sein, dass tatsächlich und nicht nur in der kranken Phantasie des Kommissars etwas im Krankenhaus nicht stimmt.

Auch dieser vierte von-Meuffel-Fall, den Hendrik Handloegten inszeniert hat, ist wieder sehenswert. Störend sind nur ein paar Schwächen im Drehbuch von Alex Buresch und Matthias Pacht. So wird eine Gruppe Chinesen gezeigt, die das Krankenhaus kaufen möchte. Dabei wird tief in die Klischeekiste gegriffen und recht billig die einst oft beschworene gelbe Gefahr hervorgeholt. Und warum von Meuffel nicht rechtzeitig das ungastliche Hospital gewechselt hat, das fragt sich am Schluss sogar seine Assistentin Anna. Denn leisten, sagt sie, könne er sich das ja. Nun, vielleicht ist der Baron einfach nur geizig. Irgendeine Schwäche muss dieser wunderbare Typ ja haben.

ARD, 04.11.2012, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 04.11.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 04.11.2012, 23:45 Uhr
ARD, 06.11.2012, 00:35 Uhr

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