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TV-Kritik: Die Tote im Moorwald

Mörderische Hinterwäldler gibt es reichlich im amerikanischen Kino. Aber auch in deutschen Filmen ist in der Provinz oft die Welt alles andere in Ordnung: In dann zumeist arg heruntergekommenen Dörfern kontrolliert jeder jeden misstrauisch. Es wird entsprechend geklatscht und getratscht. Alte Feindschaften und dunkle Geheimnisse prägen das Leben der Leute. Und Fremde sind meist nicht willkommen. Genau in eine solche Welt, irgendwo in Oberbayern, gerät die Münchnerin Josefine (Maria Simon, „Polizeiruf 110“). Sie hat gerade ihre Mutter verloren, ihre Beziehung zu einem verheirateten Mann (Felix Klare) kriselt. Und nun will sie auf dem Land ihren Kopf freibekommen. Außerdem hat in dem Dorf, in das sie zieht, vor 30 Jahren ihre Mutter gelebt, um es dann kurz vor Josefines Geburt zu verlassen. Ihren Vater hat die junge Frau nie kennengelernt, auch nach dem will sie dort jetzt suchen.

Anfangs schaut ihre neue Umgebung auch recht idyllisch aus. Obwohl Josefine von den Leuten im Dorf nicht gerade mit offenen Armen empfangen will. Sie ist halt eine Städterin, Künstlerin zudem, und daher dort eben zwangsläufig eine Außenseiterin, die argwöhnisch beäugt wird. Zudem gibt es erste Anzeichen, dass auch hier das ländliche Idyll mal wieder trügt. So ist gerade ein junges Mädchen spurlos verschwunden. Und vor ein paar Jahren hat es dort schon einmal einen ähnlichen Fall gegeben Die Leiche der damals Verschwundenen ist jedoch nie gefunden worden, weil der Täter sein Opfer womöglich im nahen Moor versenkt hat. Und selbst die Natur, wie sie vom Regisseur Hans Horn gezeigt wird, hat in diesem Film schon bald was Bedrohliches, ja Unheimliches.

Doch zumindest gibt es einen älteren Herrn, der Josefine freundlich empfängt. Willy Kamrad (Franz Xaver Kroetz), ihr Nachbar und ehemaliger Haumeister in der alten längst geschlossenen Molkerei, in der Josefine Räume für ein Atelier gemietet hat. Dabei ist dieser Kamrad, der Josefines Mutter gekannt hat, ein richtig schrulliger Kauz. Vermutlich auch ein Wilddieb, der die von ihm geschossenen Tiere akribisch aufgereiht in einem Schuppen abhängen lässt. Gleichwohl kümmert er sich liebevoll um seine neue Nachbarin, kocht und trinkt mit ihr, hilft gar bei der Suche nach ihrem Vater.

Aber dann schlägt die Stimmung langsam um. Josefine ahnt, dass irgendetwas nicht stimmt. Die anfänglich so selbstbewusste Großstädterin wird immer ängstlicher. Auch Kamrads Zuneigung, die nicht ohne erotische Untertöne ist, wird ihr zunehmend unheimlich. Dann geschieht etwas Unglaubliches, dass auch den Zuschauer erschrecken lässt. Plötzlich herrscht der blanke Horror, und der Film verwandelt sich in seinem letzten Drittel in ein Kammerspiel des Schreckens. – Dass auch der Zuschauer diesen Stimmungsumschwung fast körperlich spürt, liegt vor allem an der starken Leistung der beiden Hauptdarsteller. Aber auch an der exzellenten Kameraführung (Kamera: Torsten Breuer). Dabei verfolgt der Betrachter das Geschehen aus der Perspektive Josefines. Er leidet mit ihr mit, teilt ihre Furcht, zwischendurch zweifelt er vielleicht ein wenig an ihrem Verstand, und schließlich hat er nur noch Angst um diese junge Frau.

Dennoch, der Fernsehfilm nach einem Drehbuch von Annika Tepelmann hat auch seine Schwächen. Es fehlt einfach das wirklich Überraschende, zu sehr folgt er den Gesetzen des Genres. Und daher ahnt jeder, der schon ein paar dieser Provinz-Horrorstreifen gesehen hat, viel zu schnell, wie sich die Geschichte entwickeln wird. Gleichwohl ist „Die Tote im Moorwald“ wegen der starken Bilder, der tollen Atmosphäre und der vorzüglich spielenden Akteure sehenswert. Und besser als die meisten ARD-„Tatorte“ ist der Film sowieso.

ZDF, 12.11.2012, 20:15 Uhr

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