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Wolf Haas: Verteidigung der Missionarsstellung

Die Leser von Wolf Haas’ „Verteidigung der Missionarsstellung“ müssen mit fast allem rechnen. Wenn sich beispielsweise eine Figur aus seinem neuen Roman auf Chinesisch unterhält, dann wird diese Passage gleich konsequent auf Chinesisch geschrieben. Oder ein Gespräch im Fahrstuhl wird auf mehreren Seiten so grafisch dargestellt, dass man auch mit den Augen gleichsam Fahrstuhl fährt. Dann lernt man bei der Lektüre anschaulich, was der Unterschied zwischen Quer- und Schräglesen ist. Und am Ende reitet sogar eine Leserin hoch zu Ross durchs Buch, kommentiert die gerade erzählte Geschichte, lobt den Autor, weist ihm aber auch einen inhaltlichen Fehler nach.

Natürlich wird auch die Erzählperspektive ständig gewechselt. Der Autor wird dabei zuweilen selbst Teil des Romans. Und von seinem wortkargen Helden liest man vor allem, was er sich gerade nicht zu sagen traut. Ja, Wolf Haas traut sich wirklich was und mutet seinen Lesern einiges zu. Dabei spürt man aber auch die Nähe des heute 52-jährigen Österreichers, der bei uns vor allem durch seine satirischen Krimis über den Privatschnüffler Simon Brenner bekannt geworden ist, zu den Sprachspielereien und –provokationen seiner Landsleute Ernst Jandl und dem frühen Peter Handke. Doch bisweilen traut sich Haas dann doch zu viel und übertreibt seine witzigen Einfälle so sehr, dass sie leider ein wenig selbst verliebt oder gar manieriert wirken.

Dabei ist der Kern der so spielerisch aufbereiteten Geschichte, für die der Autor am 28. Januar den renommierten Bremer Literaturpreis erhält, eigentlich amüsant genug. Im Mittelpunkt steht ein prachtvoller Antiheld mit dem für Linguisten anspielungsreichen Namen: Benjamin Lee Baumgartner. Immer wenn dieser schweigsame Typ sich verliebt, bricht um ihn herum eine fürchterliche Seuche aus. Los geht’s 1988 in London mit dem Rinderwahn, dann folgt bei einem späteren China-Trip die Vogelgrippe. Jahre danach ist er in den USA gar das erste registrierte Opfer der Schweinegrippe. Und zum guten Schluss ereilt ihn auf einer Sprossenfarm in Bienenbüttel auch noch Ehec. Zudem, auch das versteht sich in Haas’ literarischem Kosmos fast von selbst, ist sein Leben und damit dieser Roman, der davon ja berichtet, auf eine einzige große Lebenslüge aufgebaut. Dieses Schicksal ist jedoch nicht nur fürchterlich, sondern, wie davon erzählt wird, auch fürchterlich witzig.

Wolf Haas: „Verteidigung der Missionarsstellung“. Verlag Hoffmann und Campe, 239 S., 19,90 Euro.

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Kategorien:Uncategorized Schlagwörter: ,
  1. Dezember 30, 2012 um 3:06 pm

    Ich find’s einfach nur maniriert, den Live-Auftritt wie auch das ganze Buch.

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