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Polizeiruf 110 – Kinderparadies

Wir wissen natürlich nicht, welche Erfahrungen Drehbuchautor Daniel Nocke mit Elternabenden gemacht hat. Aber sie müssen schrecklich gewesen sein. Der von ihm in dem Münchener „Polizeiruf 110 – Kinderparadies“ beschriebene Elternabend eines selbstverwalteten Kinderladens ist jedenfalls der Schauplatz subtiler Psychospiele, rücksichtsloser Machtkämpfe, schlimmer Eifersüchteleien und lächerlicher Rituale. Und obwohl all das im Film gewiss arg überspitzt geschildert wird und ein bisschen gemein karikiert ist, hat manches doch besonders für Kinderladen-Leidgeprüfte leider einen gewissen Wiedererkennungswert. Doch zum Glück enden diese unangenehmen Dinge und Zustände in den allerseltensten Fällen ja mit einem Mord.

Aber mit dem beginnt der sechste Fall von Hanns von Meuffels (Matthias Brandt). Während sich die Eltern des schon erwähnten Kinderladens bei ihrer wöchentlichen Zusammenkunft über den pädagogisch korrekten Umgang mit einem Problemkind (das ausgerechnet Bruno heißt) streiten, wird vor ihrem Haus die Mutter der zweijährigen Lara erst niedergeschlagen und dann brutal von einem Auto mehrfach überfahren. Da Joachim Grand (Johannes Zeiler), der Vater der Kleinen und Lebensgefährte der Ermordeten, am Abend der Tat auf besagtem Elternabend gewesen ist, führen die Ermittlungen schnell in den Kinderladen. Und die Szenen dort gehören zum Besten in diesem von Leander Haußmann inszenierten Krimidrama.

Von Meuffels, der mit Kindern nämlich nichts anfangen kann, wirkt in diesem Milieu wie ein Besucher von einem anderen Stern. Erst recht, weil die dortigen Eltern ein System von Überbetreuung und Überförderung aufgebaut haben, das mehr ihren Bedürfnissen dient als den ihrer Kinder. Selbst Chinesisch sollen die Kleinen der Kleinsten schon lernen, weil es schließlich die Weltsprache der Zukunft ist. Und diese hohen Ansprüche, das beschreibt dieser Krimi recht glaubhaft und mit einer netten Spur Ironie, führen bei den Eltern selbst zu einer heillosen Überforderung, die diffuse Aggressionen zur Folge hat. Das alles nimmt unser Kommissar betont distanziert zur Kenntnis, wird dann aber zumindest für kurze Zeit selbst Teil der Kinderfürsorge.

Als sich herausstellt, dass Joachim Grand wegen häuslicher Gewalt schon mehrfach aktenkundig gewesen ist, gerät er als Täter in Verdacht und von Meuffels lässt ihn festnehmen. Und da sich keiner der Kinderladen-Eltern um Lara kümmern kann, muss tatsächlich der kinderscheue Kommissar vorübergehend den Ersatzpapa spielen. Eine Rolle, die ihm völlig fremd ist, die er anfangs noch ganz gut erfüllt, selbst in der Pathologie, doch als ihm die Kleine in einem Supermarkt entwischt, gerät auch er an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Und er ist wohl ganz froh, als er sich schließlich wieder um seinen eigentlichen Job kümmern darf. Doch von den Mordermittlungen erzählt der Film leider viel zu beiläufig und zu fahrig. Selbst die entscheidende Wendung, die der Fall gegen Ende nimmt, ist wenig überraschend und viel zu banal.

Dafür gibt es dann als kleine Entschädigung den wohl längsten Showdown, der in den letzten Jahren in einem Fernsehkrimi zu sehen gewesen ist. Und dabei zieht der bekannte Kino- und Theaterregisseur Haußmann alle dramaturgischen Register, baut Puppenspiel und Rückblenden ein, zitiert sogar aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ und erschrickt den Zuschauer durch platzende Ballons. Dazu gibt es eine magisch-traumhafte Musik, die auch die Atmosphäre des Films zuvor schon stark bestimmt hat. Und erwähnt werden muss zum Schluss auch die Darstellerin der zweijährigen Lara: Doris Marianne Müller. Die Kleine ist wirklich toll!

ARD, 29.09.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 29.09.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 29.09.2013, 23:45 Uhr
ARD, 01.10.2013, 00:35 Uhr

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