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TV-Kritik: Unter Feinden

Dass es um deutsche Polizisten schlecht bestellt ist, weiß mittlerweile jeder, der regelmäßig Fernsehkrimis schaut. Und wie sein letzter Fall kürzlich gezeigt hat, benötigt selbst der einst so große TV-Macho Schimanski inzwischen Hilfe, um eine simple Tür einzutreten. Mit Lars Beckers Krimi „Unter Feinden“, der mehr an klassische französische oder amerikanische Polizistenfilm erinnert als an gängige „Tatort“-Kost, erlebt diese polizeiliche Befindlichkeitsschau nun einen neuen, höchst dramatischen und in ihrer Ehrlichkeit ziemlich schmutzigen Tiefpunkt.

Hauptkommissar Kessel, der in einer namenlosen und ziemlich gesichtslosen Großstadt seinen Dienst versieht, ist psychisch wie physisch völlig am Ende. Selbst eine Entziehungskur hat bei ihm nicht geholfen. Er ist wieder auf Droge, leidet unter Entzugserscheinungen, macht aber dennoch irgendwie seinen Job zusammen mit seinem langjährigen Partner Driller. Als sie nachts in ihrem Auto nach einem libyschen Kriegsverbrecher fahnden, beobachten sie zufällig jugendliche Drogendealer. Plötzlich stürzt Kessel, der am ganzen Körper zittert, nach draußen, schnappt sich einen der Dealer, nimmt ihm Heroin ab. Und nur mit Mühe kann ihn sein Partner wieder ins Auto zerren.

Und dann nimmt die Tragödie ihren Lauf: Als die beiden Kommissare schnell den Schauplatz dieses seltsamen Zwischenfalls verlassen wollen, stellt sich einer der Jugendlichen ihrem Auto in den Weg. Und panisch überfährt Kessel den Dealer, der danach schwer verletzt auf der Straße liegt. Driller muss sich nun entscheiden: Hilft er seinem Kollegen oder tut er seine polizeiliche Pflicht? Und er entscheidet sich für Kessel, versucht also mit ihm diesen Zwischenfall zu vertuschen. Doch da haben die zwei die Rechnung ohne die engagierte Staatsanwältin Soraya Nazari (Melika Foroutan) gemacht, die das Ganze zur Chefsache erklärt, höchst unangenehme Fragen stellt und mit ihrem islamischen Migrationshintergrund wohl die erste „Kopftuch-Staatsanwältin“ im deutschen Fernsehen ist. Allerdings wirkt diese Rolle in ihrer verbissenen Ernsthaftigkeit doch arg überzeichnet.

Schließlich mischt in dieser Verfilmung des gleichnamigen Romans von Georg Martin Oswald auch noch die Familie des erwähnten und mittlerweile inhaftierten libyschen Kriegsverbrechers mit, die sehr gut über den tödlichen Unfall informiert ist und jetzt versucht, Kessel zu erpressen. Lars Beckers Bulle ist also wirklich ein armes Schwein. Und Fritz Karl, der gerade im Kino auch singend in dem neuen deutschen Heimatfilm „Im weißen Rössl“ zu sehen ist, ist in dieser Rolle kaum wiederzuerkennen. So kaputt, so verzweifelt wirkt sein Kessel. Ja, er ist ein unbehauster Typ, der auch noch das Unglück magisch anzuziehen scheint. Und als er gegen Ende dann doch scheinbar seinen Hals aus der Schlinge gezogen hat, setzt der für seine Ironie bekannte Regisseur („Nachtschicht“) einen richtig tiefschwarzhumorigen Schlusspunkt. Gut ergänzt wird Karl durch seinen Partner, dem Burgschauspieler Nicolas Ofczarek, dessen Driller eher eine unscheinbare Figur ist, die kleinbürgerlich ängstlich versucht, seine heile Familien- und Freundeswelt zu schützen. Doch das soll ihm nicht gelingen. Ob leider oder ganz zu Recht – das muss dann der Zuschauer selbst entscheiden.

Arte, 15.11.2013, 20:15 Uhr 
Arte, 05.12.2013, 02:25 Uhr

 

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