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Kjell Westö: Geh nicht einsam in die Nacht

Es ist schon ein seltener Glücksfall, wenn es einem Autor gelingt, das Lebensgefühl einer ganzen Generation so ungemein glaubhaft und gleichzeitig so unterhaltsam zu schildern. Dieses Kunststück hat der finnlandschwedische Schriftsteller Kjell Westö mit „Geh nicht einsam in die Nacht“ vollbracht – einem mehr als 700 Seiten starken Roman, den man trotz seines enormen Umfangs bis zur letzten Seite einfach gerne liest. Und der besonders für ältere Leser einen hohen Wiedererkennungswert besitzt, während jüngere nach der Lektüre vielleicht verstehen werden, warum sich ihre „Alten“ manchmal so seltsam verhalten.

Im Mittelpunkt steht das Freundes- und Musiktrio Ariel, Adriana und Jouni, das seine Jugend in den sechziger Jahren in Helsinki verbringt. Die drei stammen zwar aus unterschiedlichen sozialen Milieus, wohnen dennoch im selben Stadtteil und erleben als eingeschworene und sich gegenseitig schützende Gemeinschaft diese Jahre des wilden Aufbruchs. In ihrer Musik, die der 52jährige Autor ungewöhnlich kenntnisreich und mit spürbarer Leidenschaft beschreibt, spiegelt sich ihr Lebensgefühl. Sie träumen von einer eigenen großen Karriere als Rockmusiker, nehmen sogar eine Platte mit dem titelstiftenden Song auf, scheitern jedoch letztlich. Und diese Niederlage lässt die beiden „Luftmenschen“ dieses Trios schließlich zerbrechen, während sich der wesentlich geerdetere Jouni durchboxt, eine Karriere als Journalist und später als Politiker macht.

Auf diese „Generation der Räucherstäbchen“, eine hübsche Bezeichnung des Autors für Hippies, folgt im zweiten Teil des Romans die „Generation der Neonröhren“. Gut 15 Jahre später ist nicht nur die Musik (und eben das Licht in den Kneipen und Bars) kalt und härter geworden, es ist die Zeit des Punks. Auch das Lebensgefühl der jungen Menschen hat sich entsprechend verändert. Wieder steht im Zentrum ein Trio: Eva, Pete und der Ich-Erzähler Frank. Und das Leben dieser drei verbindet der Autor nun auf gar wundersame und auf äußerst geschickte Weise mit dem ihrer Vorgänger. Schließlich begibt sich Frank dann auf Spurensuche, er will mehr wissen über das Leben dieser drei. Und diese spannende Suche führt ihn schließlich bis in die Gegenwart Helsinkis.

Geschrieben ist dies in einer poetischen, aber dennoch klaren Sprache. Fast ohne Ironie, stets mit großem Ernst und einer Spur angenehmster Melancholie, dem Blues Finnlands. Man erfährt dabei auch viel über Helsinki, wobei Westö gängige Klischees vermeidet. Das Buch entwirft zudem ein gelungenes Spiegelbild der gesellschaftlich kulturellen Entwicklung in West- und Nord-Europa. Und vor allem macht es neugierig auf weitere Bücher des in Helsinki geborenen Autors.

Kjell Westö, „Geh nicht einsam in die Nacht“, btb Verlag, 704 Seiten, 24,99 Euro. Der Autor liest am kommenden Mittwoch (27.12.) um 19.30 Uhr in der hannoverschen Buchhandlung Leuenhagen & Paris. Den deutschen Part übernimmt der Schauspieler Christian Erdmann

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