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TV-Kritik: Spuren des Bösen – Zauberberg

Der Film beginnt mit einer Szene, wie man sie so ähnlich zwar schon oft in einem Krimi gesehen hat. Die aber hier – bis hin zur Kameraführung und selbst der Musik – so intensiv und spannend inszeniert ist, dass sie einem beim Zuschauen richtig an den Nerven zerrt: Eine Frau, die Chirurgin Karin Staller (Marie-Lou Sellem), ist abends mit ihrer sechsjährigen Tochter allein in ihrem Haus in dem Wiener Vorort Semmering. Nachdem sie die Kleine ins Bett gebracht hat, nimmt sie ein Bad. Plötzlich hört sie Geräusche in der Wohnung, verlässt sofort die Wanne, schaut nach ihrer Tochter, doch deren Bett ist leer und die Terrassentür offen. Die Kleine ist spurlos verschwunden.

Danach folgt ein Schnitt. Und man sieht den in Österreich arbeitenden deutschen Kriminalpsychologen und Uni-Dozenten Richard Brock (Heino Ferch), wie er gerade in seinem geliebten Wiener Café frühstückt. Dort erreicht ihn ein Anruf. Er soll, so heißt es, schnell nach Semmering kommen. Der Tat dringend verdächtigt ist nämlich der wegen Sexualdelikten vorbestrafte Max Rieger (Cornelius Obonya). Dieser ist Patient von Brock gewesen und nach langer Haftzeit auf Grund eines Gutachtens von ihm aus dem Gefängnis entlassen worden. Nun hat man ihn in der Nähe des Tatorts festgenommen und bei einer Durchsuchung seiner Wohnung ein Album mit Bildern von kleinen Kindern Semmerings gefunden. Zudem verweigert er jede Aussage, ist aber bereit mit Brock zu sprechen.

Als der eigenbrötlerische Psychologe in dem idyllischen Kurort ankommt, schlägt ihm offene Feindschaft entgegen. Die Leute halten ihn für mitschuldig, weil er dem vermeintlichen Kindesentführer durch sein Gutachten eine Chance zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft gegeben hat. Und für sie gehören Menschen wie Rieger für immer weggesperrt. Eine Forderung, wie sie auch im realen Leben nach ähnlichen Fällen nicht nur von Boulevard-Zeitungen fast reflexartig gestellt wird. Und wie sie gerade durch einen Fall in Südniedersachsen mal wieder traurige Aktualität besitzt.

Doch so schnell lässt sich der schweigsame Brock von Volkes Meinung und der feindseligen Stimmung nicht beirren. Er macht einfach unbeeindruckt seinen Job. Und der besteht nicht wie bei den üblichen TV-Profilern darin, eine Tat in allen Einzelheiten zu rekonstruieren, sondern fast ausschließlich in Gesprächen mit Verdächtigen und Opfern. So versucht er einen Zugang zu finden zu dem, was wirklich geschehen ist. Das ist ein hochkonzentrierter Prozess, den der Film durch bestechend geistvolle Dialoge nachvollziehbar macht. Und selbst Zuschauer, die Anhänger des gnadenlosen Wegsperrens sind, werden von diesen Gesprächen und den dabei aufkommenden Zweifeln an der Schuld des Täters nicht unberührt bleiben.

Aber nicht nur das beeindruckt an diesem dritten Fall des Richard Brocks, der erneut von dem gleichen Team (Regie: Andreas Prochaska, Drehbuch: Martin Ambrosch) ungemein klug und überaus sorgfältig in Szene gesetzt worden ist. Auch die Leistung des gesamten Schauspielerensembles, darunter viele bei uns unbekannte österreichische Akteure, ist überzeugend. Und Ferch hat hier wohl seine Paraderolle gefunden, die ihm zuletzt sogar eine Nominierung bei dem wichtigen US-Fernsehpreis „International Emmy“ eingebracht hat. Als Zuschauer kann man jedenfalls richtig froh sein, dass diese kleine vom ZDF und der ORF produzierte Reihe fortgesetzt wird. Beweist sie doch, dass auch bei uns intelligentes Fernsehen möglich und sogar erfolgreich ist.

ZDF, 13.01.2014, 20:15 Uhr

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