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Ingrid Noll: Hab und Gier

Ein im Jahre 2014 veröffentlichtes Buch, in dem das schöne altmodische Wort „Gabelfrühstück“ auftaucht, kann nicht ganz verkehrt sein. Und tatsächlich ist Ingrid Nolls neuer Krimi „Hab und Gier“ ein unterhaltsamer und vor allem gut geschriebener Lesespaß. Wie fast immer steht bei der heute 78-jährigen Autorin eine Frau im Mittelpunkt: die alleinstehende, frühpensionierte Bibliothekarin Karla, die wegen ihrer schmalen Rente in einer viel zu kleinen Wohnung lebt und sich auch sonst keine großen Sprünge mehr leisten kann.

Eines Tages erhält Karla von ihrem früheren Kollegen Wolfram völlig überraschend eine Einladung zu einem Gabelfrühstück. Dabei macht ihr dieser wohlhabende, unscheinbare Witwer, der allein in einer weitläufigen Villa wohnt, ein unmoralisches, dennoch sehr verlockendes Angebot: Wenn sie ihn, den Krebskranken, bis zu seinem baldigen Ableben pflegt, bekommt sie nach seinem natürlichen Tod sein halbes Vermögen. Bringt sie ihn, wenn er das wünscht, vorher um, erbt sie alles. Zunächst ist die ehrenwerte Karla natürlich zutiefst schockiert, doch die Verlockungen eines sorgenfreien Lebensabends scheinen schließlich stärker als ihre moralischen Bedenken. Besonders als sie ihre junge Freundin Judith einweiht, die ihre Skrupel überhaupt nicht teilt und offenbar auch bereit ist, Wolframs Todeswunsch mit tatkräftiger Hilfe ihres zwielichtigen Freundes zu erfüllen.

Nach und nach bringt so Ingrid Noll, die zu den meist gelesenen deutschen Krimiautorinnen zählt, neue Personen ins teuflische Spiel. Alle erhoffen sich gierig einen Teil von Wolframs Hab und Gut. Schließlich wird gleich mehrfach gemordet. Und mittendrin in diesem tödlichen Schlamassel steckt Karla, aus deren Sicht dies alles mit feiner Ironie erzählt wird. Sie verfolgt zunehmend misstrauisch das Geschehen und muss bald sogar um ihr eigenes Leben fürchten. Trotz der bitterbösen Geschichte und des in ihr angerissenen ernsten Themas „Sterbehilfe“ ist das Buch witzig und mit einer großen Portion schwarzen Humors geschrieben. Und allein die Tatsache, dass der Leser bei der Lektüre ziemlich schnell mit einer potenziellen Mörderin mitfiebert, ihr gar irgendwie helfen möchte, zeigt, dass die Autorin immer noch zu den Besten ihres Faches gehört.

Ingrid Noll: Hab und Gier. Diogenes Verlag, 256 Seiten, 21,90 Euro. Und hier liest die Autorin.

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