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TV-Kritik: Neufeld, mitkommen!

Ein entspannter Fernsehabend sieht anders aus. Und der Zuschauer benötigt schon ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Geduld, um den Film bis zum Ende durchzuhalten. Dabei erfährt er in dem Mobbing-Drama „Neufeld, mitkommen!“ erst nach knapp einer Stunde Einzelheiten der Tat, und die dann geschilderten seelischen Demütigungen und körperlichen Misshandlungen eines noch recht jungen Schülers sind so entsetzlich grausam, dass man es einfach nicht glauben möchte, dass so etwas an deutschen Schulen überhaupt möglich ist. Und dass Jugendliche – auch aus vermeintlich „gutem Haus“ – dazu dann tatsächlich fähig sind. Dabei basiert die Geschichte auf einem wahren Fall, den die Journalistin Jana Simon recherchiert hat. Und der dann auch Grundlage gewesen ist für das Drehbuch des Films, das Simon in Zusammenarbeit mit Kathi Liers erstellt hat.

Was anfangs beim Zuschauen besonders an den Nerven zerrt, ist die Mutter des jungen pubertierenden Opfers. Eine tickende Zeitbombe, die nach der recht milden Verurteilung der Täter ständig kurz davor ist, zu explodieren, um dann selbst schuldig zu werden. So heftig verzehrt sie sich in Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen, so stark gedemütigt ist ihr Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden – und das Resultat ist eine aggressive Art der Bewältigung der Vorfälle, die wirklich keinem weiterhilft, auch nicht ihrem von Mitschülern gemobbten und misshandelten Sohn. Dass sie am Ende erst durch die Hilfe eines Außenstehenden, einer Psychologin, aus dieser emotionalen Sackgasse wieder herausfindet, ist verständlich.

Christina Große spielt diese Frau mit einer Glaubwürdigkeit, dass es beim Zuschauen schmerzt. Verstärkt wird dies, da Regisseur Tim Trageser sie oft ganz nah abgefilmt hat und sie zudem in für einen Fernsehfilm ungewöhnlich langen Einstellungen zeigt. Ganz anders agiert der Vater des Opfers, den Ole Puppe einfühlsam verkörpert. Er leidet zwar auch, versucht aber krampfhaft nach den Vorfällen wieder irgendwie zum Alltag zurückzufinden, also Normalität wieder herzustellen, und dabei geht dieser vermeintliche Vernunftmensch jedoch so unglücklich vor, dass auch er zu scheitern droht.

Genau das ahnt man schon in der Anfangsszene des Films. Sie zeigt, wie die kleine Familie nach der Verurteilung der Täter vor Gericht nach Hause zurückkehrt. Während Beate, die Mutter, entsetzt ist über die Milde des Urteils, der Junge sich schweigend in seinem Zimmer verkriecht, gibt sich Martin, der Vater, erleichtert, dass nun angeblich alles überstanden sei. Und macht erst einmal eine Flasche Wein auf, die noch aus besseren (Urlaubs-)Tagen stammt. Doch Beate lehnt das angebotene Glas schroff ab. Und das ist nur der Anfang einer zunehmenden Entfremdung zwischen den beiden Elternteilen

Aber nicht nur diesen Prozess zeigt der Film anschaulich, sondern er beschreibt eindrucksvoll, wie die Opfer (wohl nicht nur) einer solchen Tat von der Gesellschaft völlig allein gelassen werden, wie dabei die Nachbarn, die Lehrer und Behördenvertreter krampfhaft, aber auch mit ignoranter Hilflosigkeit ein Zurück zur Normalität einfordern und dabei die Gefühle der Betroffenen oft mit Füßen treten. Das schmerzt und strengt an beim Zuschauen, wird aber so realistisch und nah erzählt, dass man sich auf diesen Film auf jeden Fall einlassen sollte. Und da verzeiht man sogar, dass die am Schluss angebotene Problem- und Konfliktlösung doch ein wenig simpel erscheint.

ARD, 02.04.2014, 20:15 Uhr
ARD, 03.04.2014, 00:20 Uhr / Eins Festival, 05.04.2014, 20:15 Uhr
Eins Festival, 06.04.2014, 12:25 Uhr / Eins Festival, 09.04.2014, 18:30 Uhr

 

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