Startseite > Uncategorized > TV-Kritik: Die Freischwimmerin

TV-Kritik: Die Freischwimmerin

Auf den ersten Blick ist die 17jährige türkischstämmige Ilayda (Selen Savas) das, was man abschätzig „Kopftuchmädchen“ nennt. Sie wirkt schüchtern, grenzt sich von ihren Mitschülern ab, ist in ihrer Klasse eines Wiener Gymnasiums daher zunehmend isoliert. Und weigert sich sogar am Schwimmunterricht teilzunehmen, weil sie im Badeanzug zu viel nackte Haut zeigen müsste. Schuld an diesem Verhalten, da ist man sich als Zuschauer anfangs ziemlich sicher, ist natürlich ihr Elternhaus, das wegen seiner rigiden religiösen Moralvorstellungen eine Integration Ilaydas erschwert, wenn nicht sogar verhindert.

All das kennt man ja als Zuschauer aus den Medien und vielleicht sogar aus der eigenen Nachbarschaft. Und auch die junge Lehrerin Martha Müller (Emily Cox) ist von all dem fest überzeugt. Sie hat sich gerade nach einem für sie bedrohlich gewalttätigen Zwischenfall von Linz nach Wien versetzen lassen und hat für sich beschlossen, sich nun nicht mehr so stark als Lehrerin zu engagieren. Dann wird sie, die auch Sportunterricht gibt, gleich am Anfang mit dem Problemfall Ilayda konfrontiert. Und ihr Vorsatz, Dienst nach Vorschrift zu machen, löst sich schnell wieder in Luft auf. Besonders als sie abends beobachtet, wie das Mädchen heimlich im Schulschwimmbad ihre Bahnen zieht, leidenschaftlich und offenbar sehr talentiert.

Im Verlauf der deutsch-österreichischen Koproduktion „Die Freischwimmerin“ folgt nun eine langsame und anfangs sehr schwierige Annäherung zwischen der engagierten Lehrerin und ihrer Problemschülerin. Dabei lernt Martha das überraschend liberale und keineswegs religiös geprägte Elternhaus des Mädchens kennen und erfährt schließlich die wahren Motive von Ilaydas Verhalten. Aber auch die 17-Jährige öffnet sich langsam, ist sogar bereit bei ihrem ach so rigiden Verhalten Kompromisse einzugehen und wird als Folge zunehmend von ihrer Klasse akzeptiert.

Das ist schön und vielleicht ein wenig zu schön, um wahr zu sein. Und genau das ist neben den bisweilen fürchterlich gut gemeinten Dialogen dann auch die große Schwäche des von Holger Barthel nach einem Drehbuch von Susanne Beck und Thomas Eifler inszenierten Films. Er wirkt einfach oft viel zu weichgespült. Alle haben sich irgendwie lieb. Unangenehme Mitmenschen, die es ja auch in Wien geben soll, tauchen mit einer kleinen Ausnahme nicht auf. Und selbst schwierige Probleme werden in der erzeugten Wohlfühl-Stimmung mit ein bisschen Gerede schnell gelöst.

Gleichwohl sollte man sich ruhig auf ihn einlassen. Wirklich sehenswert ist nämlich, wie geschickt der Film mit all unseren Vorurteilen und den Klischees, die wir leider in unserem Kopf haben, spielt. So wird das klischeehafte Bild vom Kopftuchmädchen erst aufgebaut, um es anschließend clever wieder einzureißen. Oder das vermeintliche Oberhaupt von Ilaydas Familie entpuppt sich keineswegs als typisch türkischer Patriarch, sondern als ein liebenswert toleranter Zeitgenosse. Sehenswert ist dabei die Leistung der beiden weiblichen Hauptdarsteller. Besonders die von Selen Savas, die glaubhaft die Befindlichkeit eines Mädchens transportiert, das verunsichert nach seiner Identität sucht. Und auch Aaron Karl, der den großen Bruder verkörpert, macht beim Zuschauen Spaß, da der 1990 Geborene schon genauso charmant auftritt wie sein bekannter Vater Fritz. Dennoch, ein paar mehr Ecken, Kanten und ein wenig mehr Mut, auch hässliche Seiten zu zeigen, hätten dem Film gut zu Gesicht gestanden.

ARD, 04.06.2014, 20:15 Uhr
ARD, 05.06.2014, 00:20 Uhr / Eins Festival, 07.06.2014, 20:15 Uhr
Eins Festival, 11.06.2014, 18:30 Uhr / Eins Festival, 12.06.2014, 07:00 Uhr
Eins Festival, 12.06.2014, 12:30 Uhr

 

Kategorien:Uncategorized Schlagwörter: , ,
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: