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TV-Kritik: Stärke 6

Es gibt Gefahren, von denen man noch nicht einmal etwas ahnt – so unwahrscheinlich klingen sie. Dazu zählt gewiss ein Tsunami, der mitten in Europa an einem Schweizer Alpensee auftritt. Dabei geschah genau dies am 23. September 1687 gegen 23 Uhr, als am Vierwaldstättersee urplötzlich eine Welle von etwa vier Meter Höhe auf das Land zu raste und enorme Schäden im Uferbereich anrichtete. Schuld, vermuten Wissenschaftler heute, waren große Schlammmassen, die unter Wasser in Bewegung gerieten und dieses Naturphänomen erzeugten. Aber auch ein Erdbeben mit wenigstens Stärke 6 kann solch einen Tsunami mitten in den Alpen hervorrufen.
Der Umwelt-Thriller „Stärke 6“ geht sogar noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass auch die unkontrollierte Explosion von großen Mengen an Munition, die noch 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im See preisgünstig „entsorgt“ wurden, eine Flut-Katastrophe zur Folge haben könnten. Insgesamt verrotten nämlich nach Schätzungen rund 8000 Tonnen von Kriegsmunition in Schweizer Seen – zum Glück meist in großer Tiefe. Und diese unsichtbare Gefahr dient nun als thematischer Hintergrund für den Film, den die Schweizer Film- und Theater-Regisseurin Sabine Boss nach einem Drehbuch von Claudia Kaufmann inszeniert hat. Wobei allerdings im Abspann die zuvor beschworene Gefahr als rein fiktiv und höchst unwahrscheinlich bezeichnet wird. Alles andere wäre ja auch sehr unschön – besonders für den Tourismus.
Schauplatz ist jedenfalls der Urnersee, ein Teil des Vierwaldstättersees in den Kantonen Uri und Schwyz. Eine reizvolle und entsprechend telegene Landschaft, die im Film allerdings schnell wegen der erzählten brisanten Geschichte das Idyllische verliert. Dort führt die deutsche Geologin Maria Graf zusammen mit ihrem Schweizer Freund und Kollegen im Auftrag des Eidgenössischen Erdbebendienstes Untersuchungen am See durch. Bei einem Tauchgang der beiden kommt es dann zu einem folgenschweren Unfall, als durch eine plötzliche Unterwasserexplosion Marias Freund getötet wird.
Da ein Zeuge des Vorfalls, der Schweizer Militär-Hauptmann Scherrer (Pasquale Aleardi), beobachtet hat, dass sich die beiden Wissenschaftler zuvor in ihrem Boot offenbar gestritten haben, gerät Maria nun in Verdacht. Ihr droht gar eine Anklage wegen Totschlags oder zumindest fahrlässiger Tötung. Die staatlichen Behörden, allen voran der zuständige Staatsanwalt und der bärbeißige Polizist (Pierre Siegenthaler), sind scheinbar fest von ihrer Mitschuld an dem Tod ihres Kollegen überzeugt. Und keiner glaubt ihr die Geschichte mit der plötzlichen Unterwasserexplosion, die – so Marias Vermutung – durch im See versenkte Munition hervorgerufen worden sein könnte.
Da der Fernsehzuschauer jedoch selber gleichsam Zeuge des Unfalls gewesen ist, nimmt dies der dann im Film folgenden Wendung leider das Überraschende. Das Rätsel um den Tod des Tauchers ist halt viel zu schnell gelöst. Gleichwohl bleibt die Story halbwegs spannend, weil Maria beginnt, auf eigene Faust nach den genauen Ursachen zu forschen. Dadurch macht sie sich schnell einflussreiche Feinde und gerät bald selbst in Lebensgefahr. Und wie ausdrucksstark Claudia Michelsen diese Maria spielt, macht Spaß beim Zuschauen.
Dagegen ist die erzählte Story arg vorhersehbar und zudem mit dem dramaturgischen Holzhammer inszeniert. Vor allem weil in den Dialogen gern Dinge wortreich beschworen werden, die kurz danach dann auch tatsächlich so eintreten. Ähnlich unheilschwanger sind oft die Kameraeinstellungen, die den Fortgang des Geschehens gern überdeutlich vorwegnehmen. Und leider fehlt dieser deutsch-schweizerischen Produktion auch völlig das Tempo, die man von deutschen und erst recht von internationalen Filmen dieser Gattung sonst gewöhnt ist. Das hat dann schon was von der oft behaupteten Schweizer Behäbigkeit.

ARD, 20.08.2014, 20:15 Uhr
ARD, 21.08.2014, 00:50 Uhr / Eins Festival, 23.08.2014, 20:15 Uhr
Eins Festival, 24.08.2014, 13:10 Uhr / Eins Festival, 26.08.2014, 01:45 Uhr
Eins Festival, 27.08.2014, 18:30 Uhr / Eins Festival, 28.08.2014, 07:00 Uhr
Eins Festival, 28.08.2014, 12:30 Uhr

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