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TV-Kritik: 8 Uhr 28

Im Hause Schneider herrscht der Ausnahmezustand. Und Schuld hat die Liebe. Erwischt hat es gleich mehrere aus der Familie. Die kleine Tochter hat sich in einen Schulkameraden verguckt. Als der sie wegen einer anderen schnöde verschmäht, bricht für sie ihre kleine Welt zusammen. Sie isst nicht mehr, hat miese Laune und ist stets den Tränen nah. Ganz anders ihre Großmutter: Sie hat sich nach langer Ehe von ihrem Mann getrennt. Einem Antiquar, der zwischen Erstausgaben und seltenen Sammlerstücken verlernt hat, zu leben und Gefühle zu zeigen. Nun ist die rüstige alte Dame richtig verknallt, verhält sich fast wie ein Teenager und erzählt locker flockig und ziemlich laut bei einem Essen im Restaurant ihrer Tochter Katharina ausführlich von ihrem wiederentdeckten Sexualleben. Was dieser natürlich fürchterlich peinlich ist, auch weil die anderen Gäste an den Nebentischen mithören können und einige schon pikiert die Nase rümpfen.
Aber auch Katharina, die Hauptfigur in dem romantischen Drama „8 Uhr 28“, begegnet urplötzlich dieser seltsam chaotischen Himmelsmacht. Dabei verläuft die Ehe mit ihrem Mann (Mark Waschke), einem erfolgreichen Architekten, auch nach 15 Jahren offensichtlich recht harmonisch. Beide kümmern sich liebevoll um ihre Tochter, haben interessante Berufe, sie arbeitet als Kunsthistorikerin in einer Hamburger Galerie, leben in einem schmucken Häuschen im Grünen. Und auch sexuell scheint alles zumindest zufriedenstellend zu laufen, obwohl natürlich der Reiz der ersten Jahre zwischen „Mami“ und „Papi“ verflogen ist. Aber über die Idee, deswegen zu einer Paartherapie zu gehen, würden Katharina und ihr Mann bestimmt nur lachen.
Doch dann schlägt urplötzlich bei ihr die Liebe zu, morgens auf dem Weg zur Arbeit. In dem Vorortzug, den sie jeden Tag um 8 Uhr 28 nimmt (und der übrigens ausschaut wie aus einem Werbeprospekt für Bahnreisen), stößt sie wortwörtlich mit einem adretten Mann (Mehdi Nebbou) zusammen. Einem Typen, der optisch also was hermacht, mit einem netten Akzent spricht, und dass er ständig kluge Bonmots von sich gibt, scheint Katharina offenbar überhaupt nicht zu stören. Ganz im Gegenteil. Selbst sie, die ach so unterkühlte Intellektuelle, wirkt schlagartig verändert – was man Nadeshda Brennicke in dieser Rolle auch wunderbar ansieht. So nervös, aufgekratzt und emotional erscheint sie auf einmal. Und aus der vorher so kontrolliert auftretenden Frau mittleren Alters wird durch die Macht der großen Gefühle wieder ein junges Mädchen, das sich gerade unsterblich in einen Jüngling verguckt hat. Und das nun vor der Frage steht, ob es ihr bewährtes und scheinbar gar nicht mal so langweiliges Leben deswegen aufgeben soll. Aber auch die Perfektion hat halt ihre Tücken. Und gegen heimliche Sehnsüchte, das zeigt der Film, ist kein Kraut gewachsen.
Das alles klingt dramatisch und vielleicht ein wenig kitschig, ist es aber auf wundersam leichte Weise nicht. So erstaunlich gelassen und unspektakulär wird die Geschichte (Drehbuch: Sebastian Schubert) hier erzählt, obwohl Regisseur Christian Alvart eigentlich ein ausgewiesener Thriller-Experte ist. So hat er beispielsweise die beiden Til-Schweiger-„Tatorte“ inszeniert, bei denen es ja ziemlich feurig zur Sache gegangen ist. Hier jedoch hält er sich angenehm zurück, umschifft geschickt zu große Gefühlsausbrüche und dramatische Zuspitzungen. Beschreibt stattdessen einfach Dinge, die halt mal passieren können. Und zu denen gehört eben auch diese vermaledeite Liebe. Unterstützt wird er dabei durch ein durchweg überzeugend agierendes Schauspielerensemble. Allen voran Brennicke, der die Rolle auf den hübschen Leib geschneidert zu sein scheint. Und die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, die leider beide äußerst sympathisch wirken.
ARD, 17.12.2014, 20:15 Uhr
ARD, 18.12.2014, 01:05 Uhr / Eins Festival, 20.12.2014, 20:15 Uhr
Eins Festival, 29.12.2014, 12:30 Uhr / Eins Festival, 29.12.2014, 18:30 Uhr

Kategorien:Uncategorized
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