Archiv

Posts Tagged ‘arte’

TV-Kritik: Hatufim – In der Hand des Feindes

Zwei Zettel stehen anfangs im Mittelpunkt: Der erste wird in einem Frankfurter Hotel an einen deutschen Unterhändler überreicht mit den Namen von drei gefangenen israelischen Soldaten und den Bedingungen ihrer Freilassung. Den zweiten Zettel übergibt dann wenig später auf einem Flughafen bei Damaskus ein Geiselnehmer einen der drei Gefangenen. „Vergiss nicht“, sagt er zu ihm, „was wir besprochen haben. Möge Allah mit dir sein.“ – Es gibt also ganz offensichtlich eine Absprache zwischen einen der Geiseln und den Geiselnehmern. Worum es in ihr genau geht, wird natürlich erst verraten im Verlauf der zehnteiligen israelischen Serie „Hatufim – In der Hand des Feindes“ („Hatufim“ auf Deutsch in etwa: „Die Verschleppten“). Ein Mehrteiler, der in seiner Heimat mit großem Erfolg 2010 im Fernsehen gelaufen ist. Und der als Vorbild des US-Serienhits „Homeland“ gilt.

Bei den drei Männern, die zu Beginn in „Hatufim“ frei gelassen werden, handelt es sich um die israelischen Soldaten Nimrod (Yoram Tolledano), Uri (Ishai Golan) und Amiel (Assi Cohen). Sie sind vor 17 Jahren bei einer geheimen Mission im Libanon von vermutlich Hisbollah-Kämpfern gefangengenommen, danach verschleppt und misshandelt wurden. Und einer von ihnen, Amiel, hat diese Tortur nicht überlebt. Nun sind die drei gerade von ihrem Staat freigekauft wurden – zu einem sehr hohen Preis. Zu Beginn der ersten Folge kehren Nimrod und Uri mit einem Rote-Kreuz-Flugzeug in ihre Heimat zurück, mit an Bord ist der Sarg mit den Überresten des toten Amiel. Und nach ihrer Ankunft wird schnell deutlich, wie schwierig für die zwei Überlebenden vor allem die Rückkehr in ihre Familien ist.

Nurit (Mili Avital), die mit Uri verlobt gewesen ist, hat inzwischen dessen Bruder geheiratet und mit ihm zusammen einen Sohn. Auf Anraten eines Militärpsychologen soll sie dies jedoch ihrem ehemaligen Verlobten zumindest in den ersten Tagen seiner Rückkehr verschweigen. Talia (Yaël Abecassis), Nimrods selbstbewusste Frau, hat als Alleinerziehende die beiden gemeinsamen Kinder groß gezogen, doch für die Teenager ist ihr zurückkehrender Vater ein Fremder und ihre Freude hält sich in Grenzen. Und die dritte Frau im Bunde ist die jüngere Schwester (Adi Ezroni) von Amiel, die nicht wahrhaben will, dass ihr Bruder verstorben ist.

Zusätzlich erschwert wird die Heimkehr durch die Tatsache, dass Uri und Nimrod durch ihre Gefangenschaft schwer traumatisiert sind. Und dann ist da ja noch der geheimnisvolle zweite Zettel. – Zuschauer, die auf SAT.1 in den letzten Monaten die Erfolgsserie „Homeland“ geschaut haben, ahnen allerdings recht schnell, wie dieser Mehrteiler in groben Zügen weitergeht. Schließlich hat an der US-Adaption sogar der israelische Regisseur und Autor von „Hatufim“, Gideon Raff, als Drehbuchautor entscheidend mitgearbeitet. Dennoch gibt es wichtige Unterschiede, aber nicht nur die machen das zu einem wesentlich geringeren Budget produzierte Original sehenswert.

So sind in der US-Serie die drei Gefangenen in einer Person „verschmolzen“, die am Anfang von einem Spezialkommando befreit wird. Amerika verhandelt eben nicht mit Terroristen, noch nicht einmal in Fernsehserien. Zudem entwickelt sich „Homeland“ schnell zu einem nach gängiger Hollywood-Manier inszenierten Thriller einschließlich der fast schon obligatorischen Liebesgeschichte. Das ist zwar dann durchaus perfekt und aufregend anzuschauen, dennoch ziemlich vorhersehbar. Was aber vor allem für das israelische Original spricht, ist der Umstand, dass in ihm die komplexe Psychologie seiner zentralen Figuren eindeutig im Mittelpunkt steht. Und der Zuschauer dabei ein Gefühl bekommt, wie schwer es sein muss, mit einem Trauma und mit Traumatisieren zu leben. Und eine spannende Thriller-Handlung gibt es natürlich auch.

arte, donnerstags, ab 9. Mai, jeweils zwei Folgen ab 21 Uhr

Kategorien:Uncategorized Schlagwörter: ,

TV-Kritik: Spuren des Bösen – Racheengel

Das könnte eine richtig große Serie werden: Der Auftakt im vergangenen Januar ist jedenfalls so gut bei Publikum und Kritik angekommen, dass ORF und ZDF „Spuren des Bösen“ kurzerhand zu einer kleinen Krimireihe verlängert haben. Nun läuft als Premiere auf arte mit „Racheengel“ die zweite Episode, für die erneut Regisseur Andreas Prochaska und Drehbuchautor Martin Ambrosch verantwortlich zeichnen. Und wieder spielt die Hauptrolle Heino Ferch, der so überzeugend lange nicht im Fernsehen zu sehen gewesen ist.

Ferch ist der Wiener Kriminalpsychologe Richard Brock, der seine Frau vor Jahren durch Selbstmord verloren hat. Da er angeblich eine Mitschuld trägt, darf er nicht mehr ärztlich praktizieren. Und arbeitet nun als Ausbilder bei der Polizei. Zufällig gerät er mitten in einen ungewöhnlichen Kriminalfall: Nach einer versuchten Festnahme flüchtet ein Mann in eine Buchhandlung, nimmt dort Geiseln. Eine davon ist Brock. Der Psychologe versucht den vermeintlichen Täter zu beruhigen. Vergeblich. Der Mann erschießt sich. Wie Brock später erfährt, soll es sich bei ihm um einen Lehrer handeln, der wegen des Besitzes von Kinderpornos festgenommen werden sollte.

Für die Polizei ist der Fall nach dem Tod des Mannes erledigt. Nicht so für Brock, der nicht glauben mag, dass der Tote ein pädophiler Psychopath gewesen ist. Auf eigene Faust beginnt er zu ermitteln. Und das ist dann wirklich sehenswert. Auf den ersten Blick ist dieser Brock ein gebrochener Mann, der den Kontakt zum wirklichen Leben längst verloren hat, der aber dennoch eiskalt zu analysieren weiß. Er redet nicht viel, meist in kurzen abgerissenen Sätzen. Und bei Befragungen überrascht er oft seine Gegenüber mit scheinbar simplen Fragen, die aber stets ans Ziel führen. Und seine Art zu agieren, wird vor allem wunderbar ergänzt, durch das ungemein morbid wirkende Wien. Durch eine in beeindruckenden Bildern eingefangene Atmosphäre, in der man tatsächlich noch den Geist Sigmund Freuds zu spüren scheint. Kurzum: Großes Fernsehen!

Arte, 30.11.2012, 20:15 Uhr 
Arte, 09.12.2012, 00:55 Uhr

Kategorien:Uncategorized Schlagwörter: , ,
%d Bloggern gefällt das: