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Posts Tagged ‘Lüttje Lage’

Zeit ist Geld

August 16, 2011 1 Kommentar

Wer in der hannoverschen Oststadt in direkter Nachbarschaft zur Dreifaltigkeitskirche wohnt, der lebt mitten im Chaos. Einem gemächlichen zwar, eben nach Art unseres beschaulichen Stadtteils, aber dennoch geschehen hier seit einiger Zeit Dinge, die man erst einmal verkraften muss. Begonnen hatte alles vor rund zwei Jahren mit gefährlichem Steinschlag an unserer Kirche, der eine totale Renovierung der Außenfassade samt Turm notwendig machte. Dazu wurde dann ein richtig aufwendiges Gerüst gebaut, anschließend das Gebäude mit großen weißen Planen verhängt. Und da auch der Turm verhüllt wurde, war die Kirchenuhr plötzlich nicht mehr zu sehen, was zumindest mein Leben völlig durcheinanderbrachte. Ich hatte mich so daran gewöhnt, von unserem Haus aus im Lauf des Tages regelmäßig auf die Turmuhr zu schauen, dass ich nun eine Zeitlang weiterhin automatisch nach oben guckte – vergeblich. Und um mir diese liebe Gewohnheit abzugewöhnen, brauchte es Wochen und die Anschaffung einer Armbanduhr.

Aber ich bin nicht der Einzige, den die verhüllte Kirchturmuhr verwirrt hat. Wie ich einem Gemeindebrief der Dreifaltigkeitskirche entnehmen durfte, war tatsächlich ein Sprayer auf das Gerüst der Kirche bis nach ganz oben geklettert. Und hatte dann auf der Uhr in ungelenken Buchstaben – war wohl schon dunkel – die Botschaft hinterlassen: Zeit ist Geld. Was im Allgemeinen und im konkreten Fall der Kirchenrenovierung natürlich stimmt.

Jedenfalls wird nun schon seit Monaten tagaus, tagein an der Kirchenfassade gearbeitet, mit Höllenwerkzeugen und einem Höllenlärm, der bereits morgens kurz nach sieben Uhr beginnt und meist erst am Nachmittag gegen 16 Uhr endet. Ein Lärm, der so nervt und mir bisweilen auch den Schlaf raubt, dass ich bereits über eine Reduzierung der Kirchensteuer nachgedacht habe. Schließlich hat man ja in ähnlichen Fällen von Baulärm auch Anspruch auf eine Mietminderung. Aber vielleicht lädt ja auch unser netter Pastor nach Beendigung der Bauarbeiten die betroffenen Bürger als kleinen Schadensersatz zu einem üppigen Festmahl ein. Gerecht wäre das schon.

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Wäre ich blau

Mai 14, 2010 1 Kommentar

Man sieht es richtig vor sich: Da plant also ein Unternehmen einen besonders kundenfreundlichen Service. Und damit es jeder mitbekommt, wird eine tolle, aber auch lehrreiche Charmeoffensive konzipiert, die natürlich eines braucht: einen griffigen Slogan, den jeder sofort kapiert. Dazu werden nun die fähigsten und coolsten Werbeberater der Region, ach Unsinn, des Landes engagiert, die sofort das veranstalten, was man heute Brainstorming nennt und früher Gesprächsrunde nannte.

Kreativ innovative Männer und auch ein paar Frauen lassen nun also ihren Brain, also ihren Bregen rauchen, entwerfen und verwerfen Ideen, spinnen gar ein bisschen herum, schlagen absurde Sprüche vor wie: Heute blau und morgen wieder. Oder: Blau, blau blüht unser Papiersack. Bis einer von ihnen den endgültig originellen Einfall hat. Und der gefällt dann auch den zuständigen Kreativleuten des Unternehmens, das damit ja seine nachhaltige Charmeoffensive starten möchte.

Auch die Vorgesetzten der Kreativabteilung lassen sich überraschend schnell überzeugen, obwohl in einem kommunalen Unternehmen die Mühlen langsamer mahlen und die entsprechenden Wege länger sind als in der angeblich ach so freien Wirtschaft. Man beschließt also schließlich den auserwählten Spruch auf Zettel zu drucken, diese dann an die Außenmitarbeiter zu verteilen, die damit ausrücken, um Altpapier im Namen ihrer Firma, der Abfallwirtschaft Region Hannover (aha), der korrekten Entsorgung zuzuführen. Und wenn sie dann bei ihrer täglichen Arbeit einen Sack voller Papier, voller alter Zeitungen und Verpackungsmaterial entdecken, der gelb und nicht, wie von ihrem Unternehmen vorgeschrieben, blau ist, dann kleben sie auf einen solch falsch farbigen Sack ihren Zettel mit dem kreativen Spruch: Wäre ich blau, wäre ich weg. Lassen ihn liegen. Und da liegt der Sack dann auch noch nach einer Woche. – Muss ja schließlich alles seine Ordnung haben …

(Unredigierte Fassung meines Textes, der am 14.05. als „Lüttje Lage“ in der HAZ erschienen ist.)

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