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Tatort – Geburtstagskind

Endlich gibt es am Sonntagabend wieder frisches Blut und keins aus der Konserve. Nach fast zweimonatiger Sommerpause eröffnet wie bereits im Vorjahr ein Schweizer Fall die neue „Tatort“-Saison. Und viel hat sich in Luzern, dem mittlerweile bewährten Schauplatz des eidgenössischen Serien-Beitrags, nicht verändert. Noch immer sind die beiden Ermittler, Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer), das Beste am Schweizer Tatort. Zwei Kommissare, die auf ihre ganz spezielle Art durchweg sympathisch wirken. Wobei besonders Ritschard zunehmend an Profil und Gewicht gewinnt. So lässt sie in einer witzigen Szene ihren gewohnt brummig agierenden Kollegen einfach wortlos stehen, weil der sie wieder einmal nicht in sein Vorgehen eingeweiht hat. Und er endlich kapieren soll, dass sie mehr ist als seine „einfache“ Assistentin. Doch leider müssen die zwei sich auch in dem Film „Geburtstagskind“ erneut mit einem eher unterdurchschnittlichen „Tatort“-Fall herumschlagen.

Dabei geht’s eigentlich um eine höchst emotionale Geschichte. Ein 14-jähriges Mädchen wird an ihrem Geburtstag erschlagen im Wald aufgefunden. Vergewaltigt wurde sie nicht. Aber, das findet der Gerichtsmediziner heraus, sie war im dritten Monat schwanger. Gelebt hat die Kleine mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrer Mutter (Sarah Spale) und ihrem Stiefvater (Oliver Bürgin). Beide, das ergibt die Befragung der Eltern, wussten oder ahnten nichts von der Schwangerschaft ihrer Tochter, die äußerst streng von ihrem Stiefvater erzogen wurde. Er ist nämlich der Vorsteher einer christlichen Sekte, der vor Jahren – und da ist er besonders stolz drauf – die damals drogenabhängige Mutter mit ihren Töchtern von der Straße geholt hat, um ihnen ein mehr als behütetes Familienleben zu bieten.

Mit Sekten und Sektierern, bei denen der Glaube zum religiösen Wahn wird, hat wohl nicht nur der knurrige Kommissar Flückinger seine Probleme. Er findet diese Zeitgenossen zutiefst zuwider, ihr Verhalten bigott und verlogen. Und genauso verhält sich der Stiefvater des ermordeten Kindes, der das Klischee eines religiösen Eiferers daher voll erfüllt. Allein das macht ihn dann natürlich bei „Tatort“ geübten Zuschauern sofort zum Hauptverdächtigen. Aber es gibt natürlich auch noch andere zwielichtige Figuren, denen man die Tat durchaus zutraut. Allen voran der leibliche Vater (Marcus Signer) der Toten, ein ehemaliger Junkie und Herumtreiber, dem der Umgang mit seinen Kindern gerichtlich verboten worden ist, der sich am Abend des Mordes heftig mit dem Stiefvater gestritten hat und der richtig böse in die Kamera schauen kann. Und dann ist da noch ein junger Mann, der sich so seltsam verhält und anfangs so auffällig durch den Film schleicht, dass er einfach ins Visier der Ermittler im Film und vor dem Bildschirm geraten muss.

Genau das ist die große Schwäche dieses „Tatorts“ den Tobias Ineichen inszeniert hat. Die Figuren sind schablonenhaft gezeichnet. Es wird kein Klischee ausgelassen und man macht es dem Zuschauer durch eine simple Schwarzweiß-Malerei viel zu einfach. Der Film bietet also in 90 Minuten wirklich keine einzige Überraschung oder überraschende Wendung. Und die finale Auflösung des Falls ist dann nur noch die langweiligste Nebensache der Welt. Außerdem hat man beim Zuschauen das Gefühl, dass man solch eine Geschichte schon einfach viel zu oft in der „Tatort“-Reihe gesehen hat. Und solch ein Fernseh-Mord von der Stange lässt einen dann doch ziemlich kalt. Kurzum: Nach diesem Auftakt kann es eigentlich nur noch besser werden.

ARD, 18.08.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 18.08.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 18.08.2013, 23:45 Uhr
ARD, 20.08.2013, 00:45 Uhr

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Tatort: Hanglage mit Aussicht

August 24, 2012 1 Kommentar

Der Termin ist geschickt gewählt. Nach der langen Sommerpause der „Tatort“-Reihe ist der Zuschauer schließlich froh, dass von diesem Sonntag an endlich wieder neue Fälle gezeigt werden. Und da der von Sabine Boss inszenierte Film bei vielen durch schöne Natur- und Landschaftsaufnahmen bestimmt hoffentlich angenehme Urlaubserinnerungen wachrufen wird, ist man beim Betrachten dieses Luzerner-„Tatorts“ (Drehbuch: Felix Benesch) eher gnädig gestimmt. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der gezeigte Film für die beliebte Reihe von unterdurchschnittlicher Qualität ist, formal wie inhaltlich.

Schauplatz ist die auch real vorhandene Wissifluh oberhalb des Vierwaldstättersees. Eine „Hanglage mit Aussicht“, auf der sich der alte Gasthof der Familie Arnold befindet Am 1. August, dem Schweizer Nationalfeiertag, findet dort wie jedes Jahr ein kleines Fest statt. Dazu reist auch der Investor Gross an – mit einem Hubschrauber, der nicht nur mächtig Staub aufwirbelt. In seiner Begleitung ist der wichtige Lokalpolitiker Mattmann (Jean-Pierre Cornu), der im Lauf des Abends in einer kleinen Rede seine Zuhörer ermahnt: „Die Schweiz gehört uns allen“. Doch zu diesem Zeitpunkt liegt Gross bereits tot an der Seilbahnstrecke.

Als Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine Assistentin Liz Ritschard (Delia Mayer) am nächsten Morgen die Ermittlungen aufnehmen, ist schnell klar: Gross ist aus der Seilbahn gestoßen wurden. Hauptverdächtiger ist der aufbrausende Rolf Arnold (Peter Freiburghaus), der den Investor schon kurz nach seiner Ankunft als Lumpenhund und Spekulant beschimpft hat. Auch ein Motiv hat der alte Gastwirt und Bergbauer: Seine Tochter (Sarah Sophia Meyer) hat mit dem wesentlich älteren Mann ein von ihm unerwünschtes Verhältnis gehabt. Außerdem bestanden offenbar Pläne, den hoch verschuldeten Gasthof für viel Geld umzubauen. Obwohl die Indizienlage gegen Arnold spricht, glaubt der Kommissar nicht an dessen Schuld und ermittelt weiter. Dabei stößt er bald auf eine Spur, die üble Machenschaften erahnen lässt zwischen Politikern, einer Bank und Immobilienhändlern. Ist Arnold also das Opfer einer Verschwörung? Und wer hat dann Gross aus der Seilbahn gestoßen?

Erzählt wird hier ein klassischer „Wer war es“-Fall, dem jedoch überraschende Wendungen und aufregende Szenen fehlen. Schon der Titel, der an Immobilienanzeigen erinnert, deutet ja bereits an, wo der Täter vermutlich zu suchen ist. Zudem sind die Dialoge meist recht banal. Sie erläutern bisweilen sogar überflüssigerweise Dinge, die der Zuschauer eh gleich im Bild sieht: „Jetzt müssen wir Gas geben, Mattmann wartet schon“. Und auf diese Art hat man bereits in den siebziger Jahren Krimis gedreht. Ein Stilelement, das heute jedoch nur noch angestaubt und auf den Zuschauer entsprechend narkotisierend wirkt.

Einziger Lichtblick ist Kommissar Flückiger, der in seinem dritten „Tatort“-Fall bärbeißige Einzelgänger-Fähigkeiten – allerdings mit angezogener eidgenössischer Handbremse – entwickelt, sich dabei ganz unterhaltsam mit Lokalgrößen und Vorgesetzten anlegt. Und sich auch mit seiner Assistentin ein paar nette Nickligkeiten gönnt. Doch bei aller Kritik, einer zumindest wird von diesem Krimi profitieren: der Wirt von der echten Wissifluh, der bestimmt neue Gäste begrüßen wird. Ihm sei das zwar aufrichtig gegönnt, aber muss man deswegen gleich einen 90minütigen Film drehen?

ARD, 26.08.2012, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 26.08.2012, 21:45 Uhr / Eins Festival, 26.08.2012, 23:45 Uhr

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