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TV-Kritik: Meine Frau, ihr Traummann und ich

Dezember 15, 2014 1 Kommentar

Schlecht gelaunt und sichtbar gestresst steigt ein Mann am Münchner Flughafen in ein Taxi. „Zum Amtsgericht,“ knurrt er. „Heute lassen wir uns scheiden.“ Wir, das sind in dem ZDF-Film „Meine Frau, ihr Traummann und ich“ Charlotte (Ulrike Kriener) und Richard (Axel Milberg), ein Ehepaar kurz vor der Silberhochzeit. Ihr gehört eine Boutique für Brautmoden, er arbeitet mit eher mäßigem Erfolg als Werbefotograf, Spezialgebiet: Lebensmittel. Besonders Leberwurst, wie er gern ironisch anmerkt. – Als Richard schließlich beim Amtsgericht angekommen ist, hat er es plötzlich nicht mehr eilig. Ausführlich erzählt er bei einer von seiner Reise mitgebrachten Flasche Ouzo seinem griechischen Taxifahrer, wie es zur jetzt drohenden Scheidung gekommen ist. Eine ziemlich ungewöhnliche Geschichte, an deren Ende das Taxameter bei mehr als 150 Euro steht. Der Fahrer inzwischen eingeschlafen ist und der TV-Zuschauer 90 Minuten lang trotz des geschilderten Beziehungsknatsches eine heitere romantische Komödie erlebt hat.
Angefangen, erfährt er dabei in einer langen Rückblende, hat das Unheil nach dem Auszug des erwachsenen Sohnes. Plötzlich ist das alte Paar wieder allein gewesen, allein zu zweit. „Eigentlich“, witzelt Richard, „könnten wir jetzt durch die ganze Wohnung vögeln und laut schreien“. Aber nur eigentlich. Die böse Realität sieht nun einmal leider etwas anders aus, wie die „erste Nacht allein“ zeigt: Er schnarcht trotz Zahnschiene, sie kann daraufhin nicht schlafen, steht schließlich frühmorgens auf und geht in ihr Geschäft. Genau dort nimmt das Verhängnis dann seinen Lauf.
In der Boutique trifft Charlotte ihre langjährige Mitarbeiterin, die bereits vorm Computer hockt, auf den Netzseiten einer Dating-Agentur auf Partnersuche ist. Und ihre Chefin erfolgreich überredet, es doch auch einmal aus Spaß damit zu versuchen. Das hat dann schnell Folgen. Charlotte erhält 162 Anfragen, darunter ist ein Mann mit „98-prozentiger Übereinstimmung“. Der Vergleich mit ihrem lieben Gatten ergibt dagegen bescheidene 14 Prozent. So etwas macht natürlich neugierig, vor allem weil Richard, tolerant wie er ist, Charlotte überredet, sich mal mit diesem Traummann zu verabreden. Eine Gefahr sieht er darin nicht, schließlich ist dieser Typ ausgerechnet Lehrer. Und so einer, da ist er sich ganz sicher, kann seine Langzeit-Ehe nicht gefährden.
Doch das entpuppt sich natürlich schnell als Irrtum. Charlotte trifft sich also mit ihrem Internet-Traummann, und aus dem ersten Treffen entwickelt sich eine feste Beziehung, allerdings bleibt sie lange Zeit rein platonisch. Und als Richard die drohende Gefahr erkennt, auf die ihn erst sein „Partner“ aus seiner zweiten „alten Ehe“, sein bester und einziger Freund Stefan (August Zirner), hinweist, ist es fast schon zu spät. Besonders als er nach einem Opernbesuch das Tête-à-Tête des Dating-Paares in einem feinen Restaurant mit laut gesungenen Mozart-Arien stört. Ein von Milberg wunderbar gespielter Auftritt, weil er ungemein komisch und gleichzeitig schön jämmerlich ist. Und als eine einige Zeit später dann auch ein letzter Versöhnungsversuch dramatisch scheitert, reicht Charlotte die Scheidung ein.
Inszeniert hat diese betont leise Komödie über die Irrungen und Wirrungen eines älteren Ehepaares der Schweizer Regisseur Walter Weber. Das vorzügliche Drehbuch stammt von einem persönlich betroffenen Experten: von Georg Weber, der seit langem mit Ulrike Kriener verheiratet ist. Die von ihm hier entwickelte Geschichte lebt gekonnt von ihrer nie aufdringlichen Situationskomik und ihrem exzellent eingesetzten Wortwitz. Doch besonders überzeugen die beiden Hautdarsteller, die stets den richtigen Ton treffen und wunderbar lebensecht ein gut eingespieltes Ehepaar verkörpern. Dass es zwischen diesen beiden zur Trennung kommt, kann man sich daher als Zuschauer trotz aller Probleme kaum vorstellen. Und genau das wird dann am Schluss zum Glück auch in einer tollen Slapsticknummer ausgerechnet vor dem Amtsrichter bestätigt. Alles andere wäre auch wirklich schade gewesen.
ZDF, 15.12.2014, 20:15 Uhr

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Tatort: Borowski und der brennende Mann

Beim zuständigen NDR arbeiten offenbar Sadisten: Da ist man als Fernsehzuschauer schließlich heilfroh, dass nach einem nicht enden wollenden Winter endlich Frühling ist, und dann spielt am zweiten Mai-Sonntag dieser Kieler „Tatort“ ausgerechnet kurz vor Weihnachten im (echt!) verschneiten Schleswig-Holstein!! Dass man beim Zuschauen nicht fröstelnd sofort erneut einer späten Winter-Depression verfällt, verhindert dann nur der starke Auftritt einer wirklich (Pardon:) süßen Dänin, der Schleswiger Kommissarin Frau Einigsen (gespielt von der Schwedin: Lisa Werlinder). Und selbst der ansonsten ja so knurrige Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) wird von der guten Laune dieser lebensfroh witzigen und auch noch attraktiven Frau so angesteckt, dass sich der einsame Wolf von der Kieler Förde fast in sie verliebt. Was dann für ein paar herrlich komische Momente ausgelassenen norddeutschen Humors sorgt, die allein schon das Einschalten lohnen.

Der Film beginnt jedoch erst einmal mit einer Weihnachtsfeier samt Wichteln im Kieler Mordkommissariat, bei der Borowskis Vorgesetzter, Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel), plötzlich überstürzt aufbricht. Er hat einen ominösen Brief mit einer Einladung zum Lucia-Fest an einer dänischen Schule in Schleswig erhalten, wo er dann wenig später Zeuge eines grausamen Verbrechens wird. Während die Schüler und Eltern gerade dieses vorweihnachtliche Lichterfest feiern, steht plötzlich ein Mann in Flammen: Michael Eckart, Schulleiter und Mitglied der dänischen Minderheit. Für ihn kommt alle Hilfe zu spät. Und das ist nur Auftakt einer kleinen Mordserie.

Die zuständige Kommissarin ist die schon erwähnte „Frau Einigsen“ (so wird sie im Film nur genannt). Da es jedoch ihr erster Mordfall ist, bittet sie ihren erfahrenen Kollegen Borowski samt Assistentin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) um Amtshilfe. Bei den Ermittlungen verhält sich Schladitz, mit dem Borowski eigentlich eine alte Männerfreundschaft verbindet, äußerst seltsam, ja ihm gegenüber sogar abweisend. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Schladitz, der offenbar mehr über die Hintergründe des Verbrechens weiß, aber nicht darüber sprechen will, erleidet zusammen mit Sarah Brandt einen schweren Verkehrsunfall. Und Borowski hat den Verdacht, dass seine Assistentin den verunglückten Wagen gelenkt hat. Obwohl sie ihm versprochen hat wegen ihrer Epilepsie nicht mehr Auto zu fahren.

In „Borowski und der brennende Mann“ geht es neben der üblichen kriminalistischen Arbeit also auch um Vertrauen unter Kollegen und Freunden. Und unser Kieler Kommissar wirkt bisweilen ziemlich ratlos und sogar gekränkt, weil er einfach nicht mehr weiß, ob er sich auf seinen Chef und seine Assistentin noch verlassen kann. Eine interessante, weil psychologisch ziemlich komplizierte Situation, die im Film spannend entwickelt wird. Diese eher privaten Probleme sind zudem geschickt verknüpft mit einer klassisch anmutenden Rachegeschichte, bei der es um Schuld und Sühne, aber auch um einen kaum noch bekannten Fall von Fremdenfeindlichkeit aus der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte geht. Auch das ist sehenswert.

Inszeniert hat den Film nach einem Drehbuch von Daniel Nocke der Regisseur Lars Kraume, der bisher vor allem für den Frankfurter-„Tatort“ gearbeitet hat. Aber selbst er hat offenbar nicht auf eine für diese Krimi-Reihe übliche Macke verzichten wollen: Wenn eine kleine Nebenrolle mit einem ungewöhnlich prominenten Darsteller besetzt ist, dann ist er in 99 Prozent aller Fälle der Täter. Und genau das ist leider auch hier der Fall.

(Eine recht eigenwillig gekürzte Fassung dieses Textes ist in der Hannoverschen Allgemeinen erschienen)

ARD, 12.05.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 12.05.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 12.05.2013, 23:45 Uhr
ARD, 14.05.2013, 00:35 Uhr

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