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Tatort – Wer das Schweigen bricht

April 13, 2013 1 Kommentar

Deutsche Schauspieler, die nicht bei drei auf dem Baum sind, werden Kommissar beim ARD-„Tatort“. Diesen Eindruck vermitteln derzeit jedenfalls die zahlreichen Neuzugänge bei der populären Krimi-Reihe. So hat bekanntlich erst kürzlich Til Schweiger in Hamburg gleich reihenweise Bösewichte ins Jenseits genuschelt, Devid Striesow sich durch die saarländische Provinz kaspern dürfen und in zwei Wochen tritt dann ebenfalls in der Hansestadt Wotan Wilke Möhring seinen Dienst an. Zuvor hat bereits Jörg Hartmann als Dortmunder-Kommissar viel Autoblech zerschlagen und zu Weihnachten wird dann gleich mit Nora Tschirmer und Christian Ulmen in Weimar ein neues Duo an den Start gehen. Bei soviel Veränderung sage noch einer, die ARD traue sich nichts.

Doch nun steht erst einmal ein Abgang an. Nach nur fünf Folgen verlässt an diesem Sonntag Nina Kunzendorf das Frankfurter-„Tatort“-Team um Hauptkommissar Frank Steier alias Joachim Król. Angeblich, weil sie sich nicht auf die Rolle der schrägen Ermittlerin Conny Mey reduzieren lassen will. Und diese Entscheidung ist jammerschade. Zwar sind ihre Auftritte anfangs arg überzeichnet gewesen, doch inzwischen hat sie das übertrieben locker-flockige Machogehabe abgelegt und agiert trotz ihrer immer noch gewöhnungsbedürftigen Cowboystiefel wesentlich ernster, tiefer und mit einer Spur schöner Melancholie. Und schafft so mit eine wunderbare Stimmung, die auch ihren letzten Fall „Wer das Schweigen bricht“ bestimmt, den Regisseur Edward Berger erneut nach einem Drehbuch von Lars Kraume in Szene gesetzt hat

Wie bisher alle Folgen mit Steier und Mey basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit, die der Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen“ geschildert hat. Tatort ist ein Frankfurter Jugendgefängnis, wo nachts ein Strafgefangener in seiner Zelle ermordet wird. Doch wie, fragen sich die ratlosen Ermittler, konnte der Mörder in die abgeschlossene Zelle kommen? Und warum wurden dem Opfer vor seinem Tod acht Zehennägel ausgerissen? Die Mitgefangenen des Toten hüllen sich in Schweigen. Auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera helfen den beiden Kommissaren nicht weiter, weil seltsamerweise die entscheidenden Minuten fehlen. Und als sie dann eher beiläufig von den Knastaufsehern erfahren, dass einem weiteren Insassen die Fußnägel gewaltsam entfernt worden sind, wird für sie die Geschichte noch undurchsichtiger.

Erzählt wird also eine klassische „Wer-ist-der-Täter“-Story, die am Schluss dann erstaunlich unspektakulär aufgelöst wird. Manche Dinge sind halt doch ganz einfach. Dennoch fasziniert die düstere Geschichte bis zu ihrem Ende. Vor allem wegen der ungemein stimmigen Atmosphäre, die den Zuschauer dank eines geschickten Zusammenspiels aus Farben, Licht und Musik schnell gefangen nimmt. So wirkt das ach so liberale Jugendgefängnis wie eine eiskalte und nach außen gut abgeschottete Mini-Welt, in der Gruppen aus Deutsch-Russen, Arabern und Neo-Nazis ihre Revierkämpfe gewalttätig austragen. Während das Frankfurter Kommissariat mit seinen holzvertäfelten Gängen eine ernüchternde Finanzamt-Tristesse ausstrahlt.

Aber auch die beiden Kommissare zeigen sich darstellerisch von ihren besten Seiten. Dabei erfährt der Zuschauer, warum Steier stets so übellaunig wirkt, ja, dass er eine Schuld mit sich herumträgt, die er regelmäßig versucht, im Alkohol zu ertränken. Auch der Weggang seiner mittlerweile liebgewonnenen Kollegin Mey an die Polizeischule Kiel schmerzt ihn offenbar heftig. Und sein Versuch, dies mit ziemlich platten Scherzen aus dem vorigen Jahrtausend zu überspielen, geht gehörig schief. Aber, wie sagt seine Kollegin Mey tröstlich lächelnd in der Anfangsszene: „Das Leben geht weiter.“ Und weiter geht’s auch mit dem Frankfurter-„Tatort“, wo in der nächsten Folge Alwara Höfels Steiers Assistentin spielen wird. Ob sie seine feste Partnerin wird, soll allerdings erst im Herbst entschieden werden.

UPDATE: Inzwischen steht die neue Partnerin Króls fest: Margarita Broich.

ARD, 14.04.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 14.04.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 14.04.2013, 23:45 Uhr
ARD, 16.04.2013, 00:35 Uhr

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Tatort – Es ist böse

April 21, 2012 1 Kommentar

„Es ist böse.“ Mit diesen Worten begrüßt Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) seine Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf) am Tatort in der Frankfurter Innenstadt. Und in der Tat: Das Opfer, eine Prostituierte, wurde bestialisch in ihrer Wohnung ermodert, mit Dutzenden von Messerstichen samt eines postmortalen Kehlkopfschnitts. Da keine Spermaspuren gefunden werden, das Bargeld der Toten jedoch verschwunden ist, schaut alles anfangs nach einem Raubmord aus. Doch dann bekommt Steiers Kollege Seidel (Peter Kurth), der nach einer Korruptionsaffäre von seinem Vorgesetzten (Gerd Wameling) eine zweite Chance erhalten hat, einen Tipp von dem zwielichtigen Polizeireporter Kurt Eggers (Martin Kiefer). Vor gut einem halben Jahr, erzählt dieser, sei in Offenbach bereits schon einmal eine Prostituierte nach ganz ähnlicher Machart ermordet worden. Und womöglich sind die beiden grausamen Morde die Taten eines Serienmörders.

Schon die ersten Bilder des hessischen „Tatorts – Es ist böse“ sind für den Fernsehzuschauer harte Kost, auch wenn er vor allem dank skandinavischer Krimis mittlerweile an TV-Serienmörder gewöhnt ist. Doch das ist nur der Anfang. Auch im Verlauf des Films, den Stefan Kornatz inszeniert hat, gibt es allen Grund sich zu Gruseln. Und ganz nebenbei lernt man dabei eine neue Vokabel kennen: übertöten. Ein anderes Wort für Blutrausch, den in diesem dritten Fall des Ermittlerduos Steier und Mey tatsächlich ein Killer blutig auslebt.

Besonders nah gehen einem die hier gezeigten Morde, weil die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert. Das Drehbuch schrieb Lars Kraume nach einem Fall aus der als Buch erschienenen Sammlung „Auf der Spur des Bösen“, die der Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann veröffentlicht hat. Und die sich offenbar zu einer Fundgrube für Krimi-Drehbuchautoren entwickelt. So beruhte bereits der letzte Frankfurter Fall „Die Tote im Nachtzug“ (Drehbuch ebenfalls Kraume) auf dieser Sammlung genau wie die beiden nächsten, die auf „Es ist böse“ folgen. Das Leben schreibt offenbar auch die schlimmsten Geschichten.

Und schlimm geht es in diesem Krimi weiter. Weitere blutige Frauenmorde folgen. Und die Spur, die vor allem Mey anfangs verfolgt, stellt sich als Sackgasse heraus. Schlimmer noch: der von ihr Verdächtigte wird durch ihre Ermittlungen nicht nur in seiner bürgerlichen Existenz gefährdet. Nein, auch seine Lebensgefährtin verlässt ihn deswegen. Eine Schuld, mit der die Kommissarin nur schwer zurechtkommt, unter der sie spürbar auch körperlich leidet. Genau wie unter den brutalen Frauenmorden. Selbst Steiers Warnung, sie solle sich emotional nicht zu sehr engagieren, hilft da wenig.

Für die üblichen Kollegen-Kabbeleien und für Privates ist in diesem sehr gut gespielten „Tatort“ mit wenigen Ausnahmen kein Platz. Zu nah, zu verstörend ist der geschilderte Fall, der, obwohl man den Täter schnell zu kennen weiß, bis zum Schluss spannend bleibt. Und auch die Auflösung dieser in düsteren Bildern und mit einer unheimlich nahen Kamera erzählten Geschichte hat es fürwahr in sich.

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