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Posts Tagged ‘Tatort’

Tatort – Die Sonne stirbt wie ein Tier

Das hat uns wirklich noch gefehlt: Nun steckt wie ja jeder zweite TV-Kommissar auch Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) tief in der Krise. Und als waschechter Küchenpsychologe weiß man sofort, dass vermutlich ein handfester Burnout an der seelischen Misere Schuld hat. Die früher so taffe und mittlerweile dienstälteste Ermittlerin der populären „Tatort“-Reihe hat sich jedenfalls für jeden sichtbar verändert. Sie ist augenscheinlich älter geworden. Die einstige Coolness fehlt. Statt wie in den Anfangsjahren Ganoven energiegeladen hinterherzuhetzen, wirkt sie jetzt arg frustriert, müde und ausgebrannt. Grübelt ständig bei Kräutertee über den Sinn ihres Berufes und des Lebens sowieso, zeigt ungemein viel Verständnis für ebenfalls psychisch angeschlagene Zeugen oder Verdächtige. Und selbst ihren langjährigen Partner Kopper (Andreas Hoppe), mit dem sie ja wie ein älteres Ehepaar zusammenwohnt, nennt sie plötzlich bei seinem Vornamen Mario. Außerdem, sagt sie, möchte sie bald in eine eigene Wohnung ziehen, dadurch auch äußerlich Privates und Berufliches zukünftig mehr trennen.
Es sei ihr natürlich gönnt. Und Gemütsmensch Kopper wird es schon verkraften können. Allerdings muss sich auch beim Ludwigshafener-„Tatort“ so einiges ändern. Seit Jahren schon sind die gezeigten Fälle bestenfalls durchschnittlich, ersticken oft in lähmender Routine, bieten wenig Originelles oder gar Innovatives – wie beispielsweise zuletzt die Kollegen aus Dortmund. Und ob der seit der letzten Folge spürbare Versuch, der Figur Odenthal mehr Tiefgang zu verleihen, allein reicht, um wieder aus dieser Krise herauszukommen, muss angesichts des aktuellen von Patrick Winczewski inszenierten Falls mit dem sonderbaren Titel „Die Sonne stirbt wie ein Tier“ leider bezweifelt werden.
Dabei geht die von Harald Göckeritz geschriebene Geschichte ziemlich heftig los. Und nicht nur für zartbesaitete Tierfreunde ist der Anfang des Films vermutlich nur schwer zu ertragen: Lena Odenthal, die wegen ihrer schlechten seelischen Verfassung gerade eine Reha auf dem Land bei Ludwigshafen absolviert, wird trotz ihrer Kur an einen nahe gelegenen Tatort gerufen. Auf einem Gestüt ist morgens in der Früh der Pferdepfleger ermordet aufgefunden worden. Und auf einer Koppel liegt zudem ein grausam misshandeltes Pferd. In einer drastischen Szene, die beim Zuschauen richtig schmerzt, tötet die Kommissarin das Tier mit einem Gnadenschuss. Und nach diesem höchst emotionalen Einstieg beginnt dann wieder die ganz normale und leider recht langweilig gezeigte Ermittlungsarbeit.
Schnell stellt sich dabei heraus, dass ein sogenannter Tier-Ripper in der Gegend sein scheußliches Unwesen treibt. Und „Menschen, die Pferde verletzen, sind meistens psychisch gestört,“ sagt dazu nachdenklich Küchenpsychologin Lena Odenthal, die im Lauf des Films sowieso gern ähnlich tiefschürfende Dinge von sich gibt. Bald haben die Ermittler dann auch einen ganz offensichtlich „psychisch gestörten“ Verdächtigen (Ben Münchow) gefunden. Einen jungen Mann, der eine äußerst schwere Kindheit erleiden musste und vermutlich deswegen stottert, allerdings gleich mehrmals trotzig behauptet: „Ich bin kein Psycho.“ Na klar! Merkwürdig verhält sich jedoch auch die fesche Gestütsbesitzerfrau (Alma Leiberg), die – was für ein Zufall? – auch eine schwere Kindheit erlebt hat. Und die allein deswegen ja in der Logik dieses Films irgendwie verdächtig ist.
Spannend jedenfalls ist die erzählte Geschichte nicht. Auf überraschende Wendungen wartet man beim Zuschauen vergeblich. Die zentralen Personen wirken erschreckend eindimensional. Die Dialoge sind einfach nur platt. Und selbst die neue nette Kollegin von Odenthal und Kopper, die Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter), kann diesen mittelmäßigen Krimi nicht retten. Dennoch gibt es am Schluss zumindest eine gute Botschaft: Kein Tier, heißt es, sei bei den Dreharbeiten verletzt worden. Gott sei Dank!

ARD, 18.01.2015, 20:15 Uhr
Eins Festival, 18.01.2015, 21:45 Uhr / Eins Festival, 18.01.2015, 23:45 Uhr
ARD, 20.01.2015, 00:35 Uhr

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Tatort – Schwindelfrei

Dezember 8, 2013 1 Kommentar

Die gute Nachricht gleich vorweg: Felix Murot (Ulrich Tukor) ist in „Schwindelfrei“ wieder gesund. Der Gehirntumor, der den Wiesbadener LKA-Beamten in seinen ersten beiden „Tatort“-Fällen gequält hat, ist erfolgreich wegoperiert worden. Auch die damit verbundenen Wahnvorstellungen sind verschwunden. Und die Nachricht seiner Genesung erhält unser Ermittler am Ende seiner Reha in Fulda. Aus Feier des Tages lädt er seine treue Mitarbeiterin Magda Wächter (Barbara Philipp) spontan nach Fulda ein.

Abends besuchen die beiden eine Vorstellung eines drittklassigen Zirkus, dessen Hauptattraktion eine Pudeldressur ist. Und der dennoch – zumindest in Fulda – eine solche Attraktion darstellt, dass er offenbar gleich an mehreren Tagen hintereinander vor Hunderten von Zuschauern gastiert. In diesem Zirkus gerät Murot nun mitten hinein in einen Kriminalfall. Während der von ihm besuchten Vorstellung springt plötzlich eine Zuschauerin auf und ruft erregt: „Da ist er, lasst ihn nicht entkommen!“ Dann folgt ein Stromausfall. Und als das Licht wieder angeht, ist die aufgeregte Dame spurlos verschwunden.

Als Murot am kommenden Tag im Hotel erfährt, dass die Fuldaer Polizei nach der verschwundenen Frau sucht, wittert er gleich ein Verbrechen. Und da gerade – welch ein Zufall! – der Pianist der Zirkusband wegen einer gebrochenen Hand ausgefallen ist, übernimmt er vertretungsweise dessen Job. In der Hoffnung, so mehr über die Hintergründe des vermeintlichen Verbrechens zu erfahren. Der Zuschauer ist jedoch schon längst weiter als Murot. Einer der Verdächtigen aus der Zirkustruppe trägt auf seiner Stirn so überdeutlich den Stempelaufdruck „Mörder“, dass Spannung in diesem Kriminalfall erst gar nicht aufkommt.

Zudem leidet der Film darunter, dass zum x-ten Mal als Hintergrund eines Verbrechens die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien herhalten müssen. Das kann man zwar machen, aber besonders originell ist das leider nicht. Doch immerhin bleiben den Zuschauern zukünftig ja die mehr als merkwürdigen Dialoge zwischen Murot und seinem Tumor „Lilly“ erspart. Nicht erspart bleiben einem jedoch der Anspruch des Hessischen Rundfunks mit Tukur ungewöhnliche „Tatorte“ zudrehen, die vermeintlich die Konventionen des Krimi-Genres kunstsinnig sprengen oder mit ihnen zumindest ironisch spielen.

Ein nettes Unterfangen, das dann aber ziemlich schief läuft, wenn – wie in diesem von Justus von Dohnànyi geschriebenen und inszenierten Fall – das Gebälk der erzählten Geschichte so unüberhörbar und unübersehbar ächzt. Und zudem auf arg ausgelutschte Klischees zurückgegriffen wird. Sehenswert dagegen sind die nostalgischen Bilder aus dem heruntergekommenen Zirkus, dazu gibt es ein paar nette kleine Gags. Und einen launig aufspielenden Tukor, der seiner großen Leidenschaft, der Musik, nachgehen darf. Begleitet wird er dabei auch im Film von seinen „Rhythmus Boys “, mit denen er oft auf Tournee ist. So werden zumindest seine Fans auf ihre Kosten kommen. Alle anderen können sich ja vom Weihnachtsmann spannendere Tukur-„Tatorte“ wünschen.

ARD, 08.12.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 08.12.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 08.12.2013, 23:45 Uhr
Eins Festival, 10.12.2013, 00:35 Uhr

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Tatort – Eine andere Welt

Dass ein 16-jähriges Mädchen getötet worden ist, ist für das Ermittlerteam um Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) fast schon eine Zumutung. Schließlich haben die vier mit sich allein schon genug zu tun, und da stört ein Mord natürlich gewaltig. Und da dieser eigentlich anrührende, allerdings wenig spannende Fall hier auch noch ziemlich beiläufig erzählt wird, hat man sogar das Gefühl, dass sich selbst Regisseur Andreas Herzog kaum für diese Geschichte interessiert hat.

Eindeutig im Mittelpunkt des dritten Dortmunder „Tatorts – Eine andere Welt“ steht also stattdessen mal wieder eine polizeiliche Nabelschau, die sich in einer so düster kaputten Atmosphäre abspielt, dass dagegen ein drohender Weltuntergang ein heiteres Kinderspiel ist: So sind die beiden jüngsten in dem Ermittler-Quartett, Nora (Aylin Tezel) und Daniel (Stefan Konarske), zwar glücklich verliebt, aber mit ihrer Familie hat die türkisch-stämmige junge Frau Probleme und möchte ihren Freund am liebsten nicht mit dieser für ihn „anderen Welt“ konfrontieren. Derweil schlägt sich ihre ältere und zum Erbarmen einsam wirkende Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) mit flüchtigen Männerbekanntschaften herum, ihrem Callboy hat sie offenbar inzwischen den Laufpass gegeben. Und am schlimmsten erwischt hat es natürlich Faber, der nicht nur mit seinem exaltierten Verhalten Bönisch das Leben schwer macht, sondern selbst so fürchterlich leidet, dass er eigentlich sofort in psychiatrische Behandlung gehört. Oder es zumindest mal mit Yoga versuchen sollte. Das soll ja helfen.

Was Faber genau belastet, das verstehen allerdings nur Zuschauer, die die ersten beiden Dortmunder-„Tatorte“ aufmerksam gesehen haben. Die letzte Folge ist jedoch bereits im vergangenen November ausgestrahlt wurden. Und dieser große zeitliche Abstand macht es eigentlich unmöglich, eine fortlaufende Geschichte zu erzählen. Dennoch versucht es das Team um Drehbuchautor Jürgen Werner und Regisseur Herzog. Doch selbst an Bönisch’ Callboy-Affäre werden sich wohl nur noch die wenigsten erinnern, und Fabers Fall, bei dem es irgendwie (!) um den mysteriösen Unfalltod seine Familie geht, ist ja offenbar noch wesentlich komplizierter. Dabei kommt noch ein technischer Mangel hinzu: Im Vergleich zur lauten, allerdings guten Filmmusik sprechen die Figuren oft so leise, dass sie kaum zu verstehen sind. Und der Zuschauer einen tauben Finger bekommt, durch das ständige Bedienen der Lautsprechertaste auf seiner Fernbedienung.

Doch zumindest bei dem geschilderten Mordfall muss man nicht jeden Dialog verstehen, so simpel und so oft erzählt ist im Grunde die Geschichte: Ein junges Mädchen aus einem ziemlich desaströsen Hochhausgetto möchte unbedingt heraus aus diesen finsteren Verhältnissen. Mit Hilfe ihrer wohlhabenden Freundin schafft sie endlich den Zugang zu dem angesagtesten Klub der Stadt, gerät dabei in eine Clique reicher Schnösel, legt sich natürlich gleich ein neues schickes Facebook-Profil zu und verlässt ihren alten Freund, den großspurigen Kleindealer Tarek (Hassan Akkouch). Doch dann, eines Nachts, treffen ihre alte schlimme und ihre neue schöne Welt für sie tödlich aufeinander.

Und unser Faber muss ermitteln. Dass macht er wie in den beiden Filmen zuvor so überdreht, vor allem wenn er vermeintliche Tatszenen unter vollstem Körpereinsatz nachspielt, dass nicht nur seine Kollegen genervt sind. Sondern man sich als Zuschauer wünscht, dass in den kommenden Folgen die Marotten des Kommissars etwas sparsam eingesetzt werden. Schließlich ist Jörg Hartmann („Weissensee“) so ein guter Schauspieler, dass er das vermeintlich dramatische Zertrümmern von Männerklos eigentlich nicht nötig hat.

ARD, 17.11.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 17.11.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 17.11.2013, 23:45 Uhr
ARD, 19.11.2013, 00:50 Uhr

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Tatort – Die chinesische Prinzessin

Ist jetzt in Münster womöglich Schluss mit lustig? Nach ihren Klamauk-„Tatorten“ „Das Wunder von Wolbeck“ und „Summ, summ, summ“ kommt der neuste Fall des Erfolgs-Duos Boerne/Thiel (Jan Josef Liefers/ Axel Prahl) jedenfalls ungewöhnlich ernst daher. Slapstickeinlagen fehlen in „Die chinesische Prinzessin“ (Regie: Lars Jessen, Drehbuch: Orkun Ertener) also völlig, witzige Dialoge sind äußerst rar. Und am Ende sagt Professor Boerne tatsächlich zu seiner kleinwüchsigen Mitarbeiterin (Christine Urspruch) statt „Alderich“ plötzlich respektvoll „Frau Haller“.

Das ist alles ziemlich gewöhnungsbedürftig. Schließlich ist schräger Humor, der zuweilen auch mal ziemlich albern ausgefallen ist, bisher das Markenzeichen des Münsteraner-„Tatorts“ gewesen. Für Fans ist dieser Film daher vermutlich eine Enttäuschung, über die selbst die amüsante Schlussszene nicht hinwegtrösten wird. Da versinken unsere beiden müden Krimi-Helden frustriert in Thiels Junggesellensofa, gönnen sich noch in billigen Gläsern einen von Boernes exquisiten Rotweinen und trauern gemeinsam nach Alt-Männerart ihren verpassten erotischen Chance nach.

Und worum geht’s? Nun, den Inhalt dieses Films fasst prägnant Thiel selbst zusammen: „Chinesische Mafia, Geheimdienste in Münster, was denn noch? FBI, CDU, GEZ?“, fragt er genervt. „Was ist das hier? Versteckte Kamera? Verstehen Sie Spaß?“ Und los geht diese verworrene Geschichte gleich mit einem doppelten Filmriss: Kommissar Thiel betrinkt sich an seinem Geburtstag, schleppt seine junge Assistentin Nadeshda (Friederike Kempter) am Ende des Abends noch zu einem Absacker in seine Wohnung ab und schläft dann offenbar volltrunken ein. Am Morgen danach bekommt er einen gehörigen Schreck, als Nadeshda ihn mit einem bezaubernd vielsagenden Lächeln weckt. Und wie Kemptner, die bisher in ihrer Rolle eher unscheinbar gewesen ist, das spielt, ist wirklich entzückend und vor allem witzig.

Auch Boerne stürzt am selben Abend ab. Auf einer Vernissage lernt er die hübsche chinesische Künstlerin und Menschenrechtskämpferin Songma (Huichi Chiu) kennen. Beide flirten heftig, verschwinden gemeinsam vorzeitig, und statt ihr seine Briefmarkensammlung zu zeigen, präsentiert er der Schönen in seiner Rechtsmedizin ungewöhnliche Leichen. Dann schnupft Songma Kokain – und an den Rest kann sich Boerne nicht mehr erinnern. Seine Assistentin findet ihn morgens ohnmächtig auf dem Boden liegend mit einem Skalpell in der Hand, daneben auf dem Seziertisch liegt tot die hübsche Chinesin. Boerne wird wegen Mordverdachts festgenommen. Und damit ist für ihn für den Rest des Films Schluss mit Lästern.

Thiel glaubt jedoch nicht an seine Schuld. Und wird nun in diesem Fall leider nicht mir der versteckten Kamera konfrontiert, sondern mit dem chinesischen Geheimdienst und der chinesischen Mafia, dem gewohnt trotteligen BKA und einem eigentlich netten, gleichwohl verdächtigen chinesischen Mitbürger. Und selbst ein ehrenwerter westfälischer Museumskurator (Tonio Arrango) scheint nicht ganz koscher. Kein Wunder, dass unser Kommissar schließlich nur „Ching, Chang, Chong“ versteht. Und da geht’s dem Zuschauer genauso, den diese arg witz- und spannungslose Geschichte schnell kalt lässt. Einzig Assistentin Nadeshda verliert nicht den Überblick. Aber sie hat ja sogar, wie der Film zeigt, alle chinesischen Provinznamen im Kopf und kann richtig bezaubernd lächeln.

ARD, 20.10.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 20.10.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 20.10.2013, 23:45 Uhr
ARD, 22.10.2013, 00:35 Uhr

Tatort – Gegen den Kopf

September 7, 2013 1 Kommentar

Selbst die Berliner Kommissare sind über die Brutalität der Tat schockiert. Aber nur kurz. Danach machen sie einfach nur ihren Job, und der Zuschauer kann dem Ermittlerteam um Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) dabei 90 Minuten lang über die Schultern schauen. Zeit für große Emotionen bleibt den beiden nicht, auch für Weltschmerz ist kein Platz. Privates bleibt völlig außen vor. Und selbst das früher so nervige Macho-Gehabe Ritters einem erspart. Stattdessen steht im Mittelpunkt des „Tatorts – Gegen den Kopf“ die akribische Ermittlungsarbeit, die in schnell geschnittenen und dokumentarisch wirkenden Bildern gezeigt wird. Und dadurch entsteht das deprimierende, gleichwohl sehenswerte Protokoll eines irrsinnig sinnlosen Verbrechens.

Der Fall, um den es hier geht, erinnert stark an den Tod von Dominik Brunner 2009 in der Münchner U-Bahn. Und den von Johnny K. in Berlin, der die Öffentlichkeit nicht nur in der Hauptstadt zutiefst schockierte. Tatort im Film ist eine Berliner U-Bahn, morgens kurz nach vier. Ein älterer Mann wird von zwei offenbar angetrunkenen Jugendlichen (Jannik Schümann, Edin Hasanovic) angepöbelt. Sie klauen schließlich seine Gehhilfe und fordern von ihm 30 Euro. Die anderen Fahrgäste des Zuges schauen ängstlich weg, keiner tut etwas. Bis schließlich dann doch ein Fahrgast aufsteht und mutig eingreift. „Ich hab ein Auge auf euch“, sagt er zu den Jugendlichen, nachdem er den Vorfall energisch beendet hat, und fotografiert sie mit seinem Smartphone, bevor er an der nächsten Station aussteigt.

Und dann nimmt das Verhängnis seinen tödlichen Verlauf. Die beiden jungen Leute verfolgen den couragierten Mann. Es kommt zwischen ihnen zu einem erregten Wortwechsel, dann folgen Schläge und brutale Fußtritte gegen den inzwischen Wehrlosen. All das sieht oder erahnt auch der Zuschauer, bloß wer von den beiden Jugendlichen für die letztlich tödlichen Tritte verantwortlich ist, das bleibt im Film im Dunkeln. Und ist dann auch das Hauptproblem der polizeilichen Ermittler. Zwar können die beiden Täter relativ schnell ermittelt werden, bloß in ihren Aussagen schieben sie dem jeweils anderen die Hauptschuld zu.

Dennoch sorgt nicht nur dies für Spannung, sondern vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei. Da gibt es natürlich die übliche Zeugenbefragung, die Auswertung von gleich mehreren Überwachungskameras und vor allem die Analyse von aufgezeichneten Handydaten, die im Film so detailliert gezeigt wird, dass wohl mancher Zuschauer sich überlegen wird, ob er sein Mobiltelefon immer eingeschaltet lässt. Die Auflösung des Verbrechens liefert dann ausgerechnet ein richtig altmodisches Indiz. Und an wohlfeilen Erklärungen, die nach einer solch brutalen Tat stets fast reflexartig von selbsternannten oder tatsächlichen Experten in den Medien geliefert werden, versucht sich dieser Ausnahme-„Tatort“ erst gar nicht.

So spielen die Ursache und Hintergründe des gezeigten Verbrechens in dem Film nur dann eine Rolle, wenn sie für die Ermittlungen auch relevant sind. Und entsprechend knapp und präzise sind die Dialoge der beiden Kommissare, die sich lieber auf ihren eh schon ernüchternden Job konzentrieren. Dass dann doch einmal eine Phrase „(Zu meiner Zeit hat man aufgehört, wenn ein Mensch am Boden lag.“) gedroschen wird, tut zwar kurz weh, trübt aber nicht den hohen Unterhaltungswert dieses ungewöhnlichen von Stephan Wagner inszenierten Fernsehkrimis.

ARD, 08.09.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 08.09.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 08.09.2013, 23:45 Uhr

Tatort – Geburtstagskind

Endlich gibt es am Sonntagabend wieder frisches Blut und keins aus der Konserve. Nach fast zweimonatiger Sommerpause eröffnet wie bereits im Vorjahr ein Schweizer Fall die neue „Tatort“-Saison. Und viel hat sich in Luzern, dem mittlerweile bewährten Schauplatz des eidgenössischen Serien-Beitrags, nicht verändert. Noch immer sind die beiden Ermittler, Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer), das Beste am Schweizer Tatort. Zwei Kommissare, die auf ihre ganz spezielle Art durchweg sympathisch wirken. Wobei besonders Ritschard zunehmend an Profil und Gewicht gewinnt. So lässt sie in einer witzigen Szene ihren gewohnt brummig agierenden Kollegen einfach wortlos stehen, weil der sie wieder einmal nicht in sein Vorgehen eingeweiht hat. Und er endlich kapieren soll, dass sie mehr ist als seine „einfache“ Assistentin. Doch leider müssen die zwei sich auch in dem Film „Geburtstagskind“ erneut mit einem eher unterdurchschnittlichen „Tatort“-Fall herumschlagen.

Dabei geht’s eigentlich um eine höchst emotionale Geschichte. Ein 14-jähriges Mädchen wird an ihrem Geburtstag erschlagen im Wald aufgefunden. Vergewaltigt wurde sie nicht. Aber, das findet der Gerichtsmediziner heraus, sie war im dritten Monat schwanger. Gelebt hat die Kleine mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrer Mutter (Sarah Spale) und ihrem Stiefvater (Oliver Bürgin). Beide, das ergibt die Befragung der Eltern, wussten oder ahnten nichts von der Schwangerschaft ihrer Tochter, die äußerst streng von ihrem Stiefvater erzogen wurde. Er ist nämlich der Vorsteher einer christlichen Sekte, der vor Jahren – und da ist er besonders stolz drauf – die damals drogenabhängige Mutter mit ihren Töchtern von der Straße geholt hat, um ihnen ein mehr als behütetes Familienleben zu bieten.

Mit Sekten und Sektierern, bei denen der Glaube zum religiösen Wahn wird, hat wohl nicht nur der knurrige Kommissar Flückinger seine Probleme. Er findet diese Zeitgenossen zutiefst zuwider, ihr Verhalten bigott und verlogen. Und genauso verhält sich der Stiefvater des ermordeten Kindes, der das Klischee eines religiösen Eiferers daher voll erfüllt. Allein das macht ihn dann natürlich bei „Tatort“ geübten Zuschauern sofort zum Hauptverdächtigen. Aber es gibt natürlich auch noch andere zwielichtige Figuren, denen man die Tat durchaus zutraut. Allen voran der leibliche Vater (Marcus Signer) der Toten, ein ehemaliger Junkie und Herumtreiber, dem der Umgang mit seinen Kindern gerichtlich verboten worden ist, der sich am Abend des Mordes heftig mit dem Stiefvater gestritten hat und der richtig böse in die Kamera schauen kann. Und dann ist da noch ein junger Mann, der sich so seltsam verhält und anfangs so auffällig durch den Film schleicht, dass er einfach ins Visier der Ermittler im Film und vor dem Bildschirm geraten muss.

Genau das ist die große Schwäche dieses „Tatorts“ den Tobias Ineichen inszeniert hat. Die Figuren sind schablonenhaft gezeichnet. Es wird kein Klischee ausgelassen und man macht es dem Zuschauer durch eine simple Schwarzweiß-Malerei viel zu einfach. Der Film bietet also in 90 Minuten wirklich keine einzige Überraschung oder überraschende Wendung. Und die finale Auflösung des Falls ist dann nur noch die langweiligste Nebensache der Welt. Außerdem hat man beim Zuschauen das Gefühl, dass man solch eine Geschichte schon einfach viel zu oft in der „Tatort“-Reihe gesehen hat. Und solch ein Fernseh-Mord von der Stange lässt einen dann doch ziemlich kalt. Kurzum: Nach diesem Auftakt kann es eigentlich nur noch besser werden.

ARD, 18.08.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 18.08.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 18.08.2013, 23:45 Uhr
ARD, 20.08.2013, 00:45 Uhr

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TV-Kritik: Tatort – Unvergessen

Armes Kärnten! So schlecht drauf war Moritz Eisner noch nie. In seinem 30. „Tatort“-Fall „Unvergessen“ hat es den Wiener Chefinspektor des österreichischen Bundeskriminalamts nach Kärnten verschlagen, und dort geht ihm nun wirklich alles schrecklich auf die Nerven. Für ihn sind die Einheimischen ewiggestrige Hinterwäldler, die Fremde misstrauisch beäugen. Vor allem wenn sie aus der fernen Großstadt Wien kommen und in der braunen Vergangenheit dieser Region herumstochern. Die Volksmusik, die man in Kärnten pflegt, ist für ein Eisner nur ein schreckliches Gedudel. Und als er am Schluss nach einem tollen Showdown den Täter  gestellt hat, dreht unser Chefinspektor ihm plötzlich den Rücken zu, sagt gelangweilt: „Sie sind festgenommen.“ Und geht angewidert davon. Ein ganz starker Auftritt!

Ein Land, das solch schlechtgelaunten Polizisten hat, braucht sich um seine Komödianten nicht zu sorgen. Sie finden hier genügend Stoff. Und Harald Krassnitzer zeigt als Moritz Eisner, dass er über sehr viel komödiantisches Talent verfügt. Dass ihm in dieser Rolle nicht nur eine Laus, sondern gleich eine ganze Elefantenherde über die Leber gelaufen ist, hat natürlich seinen Grund. Ihn erfährt der Zuschauer gleich am Anfang, der so schnell und kompakt inszeniert ist, dass man ihn auf keinen Fall versäumen sollte: Bei einer privaten Reise nach Kärnten wird Eisner offenbar Zeuge eines Verbrechens. Er ruft über Funk Kollegen um Hilfe. Wird kurz darauf auf einem Parkplatz eines Steinbruchs von hinten in den Kopf geschossen, landet mit einem Geschosssplitter im Gehirn auf der Intensivstation und leidet von nun an, auch noch nach seiner Entlassung, unter Amnesie.

Da er sich nicht mehr erinnern kann, was zu diesem bösen Zwischenfall geführt hat, fährt er nach diesem aktionsreichen Schnelldurchlauf auf eigene Faust von Wien aus an den Ort des Geschehens. Er will dort trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustand der Wahrheit auf den Grund gehen. Er befragt Leute, die ihm aber auch nicht helfen können – oder wollen. Und besucht natürlich den besagten Steinbruch. Unterstützt wird er bei diesen privaten Ermittlungen von seiner Assistentin Bibi Fellner (wunderbar: Adele Neuhauser), die ihrem Chef besorgt nachgereist ist und sich nun richtig empathisch um ihn kümmert.

Erst von einer Supermarkt-Kassiererin bekommt er schließlich den entscheidenden Tipp. Sie erinnert sich, dass er vor Wochen bei ihr Rosen und eine Flasche Champagner gekauft hat. Und nach den Weg zu einer Berghütte gefragt hat. In der besagten Hütte kann sich dann der Chefinspektor an die Journalistin Maja erinnern, mit der er dort verabredet gewesen ist. Und mit der vor Jahren ein Verhältnis gehabt hat. Die weiteren Ermittlungen ergeben dann, dass die Journalistin in dieser Gegend für eine Reportage recherchiert hat. Dabei ging es um ein grausames Verbrechen, dass die SS dort kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs begangen hat. Und von dem man heute nichts mehr wissen will. Kurz danach wird Majas Leiche im Kofferraum ihres Autos gefunden, das im See des Steinbruchs versenkt worden ist.

Was an dem folgenschweren Tag genau geschehen ist, bleibt jedoch lange Zeit auch für den Zuschauer ein spannendes Rätsel. Es wird erst nach und nach in diesem rundum gelungenen ORF-„Tatort“ gelöst. Inszeniert und geschrieben hat diesen überraschungsreichen Film Christiane Hörbigers Sohn Sascha Bigler, der dabei gekonnt beweist, dass man ein schweres Thema wie hier die Verbrechen der SS in einem Krimi behandeln kann, ohne dass dies aufgesetzt wirkt. Kurzum: Eine sehenswerte Reise ins schöne Kärnten!

ARD, 20.05.2013, 20:15 Uhr 
ARD, 21.05.2013, 01:10 Uhr

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Tatort: Borowski und der brennende Mann

Beim zuständigen NDR arbeiten offenbar Sadisten: Da ist man als Fernsehzuschauer schließlich heilfroh, dass nach einem nicht enden wollenden Winter endlich Frühling ist, und dann spielt am zweiten Mai-Sonntag dieser Kieler „Tatort“ ausgerechnet kurz vor Weihnachten im (echt!) verschneiten Schleswig-Holstein!! Dass man beim Zuschauen nicht fröstelnd sofort erneut einer späten Winter-Depression verfällt, verhindert dann nur der starke Auftritt einer wirklich (Pardon:) süßen Dänin, der Schleswiger Kommissarin Frau Einigsen (gespielt von der Schwedin: Lisa Werlinder). Und selbst der ansonsten ja so knurrige Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) wird von der guten Laune dieser lebensfroh witzigen und auch noch attraktiven Frau so angesteckt, dass sich der einsame Wolf von der Kieler Förde fast in sie verliebt. Was dann für ein paar herrlich komische Momente ausgelassenen norddeutschen Humors sorgt, die allein schon das Einschalten lohnen.

Der Film beginnt jedoch erst einmal mit einer Weihnachtsfeier samt Wichteln im Kieler Mordkommissariat, bei der Borowskis Vorgesetzter, Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel), plötzlich überstürzt aufbricht. Er hat einen ominösen Brief mit einer Einladung zum Lucia-Fest an einer dänischen Schule in Schleswig erhalten, wo er dann wenig später Zeuge eines grausamen Verbrechens wird. Während die Schüler und Eltern gerade dieses vorweihnachtliche Lichterfest feiern, steht plötzlich ein Mann in Flammen: Michael Eckart, Schulleiter und Mitglied der dänischen Minderheit. Für ihn kommt alle Hilfe zu spät. Und das ist nur Auftakt einer kleinen Mordserie.

Die zuständige Kommissarin ist die schon erwähnte „Frau Einigsen“ (so wird sie im Film nur genannt). Da es jedoch ihr erster Mordfall ist, bittet sie ihren erfahrenen Kollegen Borowski samt Assistentin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) um Amtshilfe. Bei den Ermittlungen verhält sich Schladitz, mit dem Borowski eigentlich eine alte Männerfreundschaft verbindet, äußerst seltsam, ja ihm gegenüber sogar abweisend. Und dann überschlagen sich die Ereignisse. Schladitz, der offenbar mehr über die Hintergründe des Verbrechens weiß, aber nicht darüber sprechen will, erleidet zusammen mit Sarah Brandt einen schweren Verkehrsunfall. Und Borowski hat den Verdacht, dass seine Assistentin den verunglückten Wagen gelenkt hat. Obwohl sie ihm versprochen hat wegen ihrer Epilepsie nicht mehr Auto zu fahren.

In „Borowski und der brennende Mann“ geht es neben der üblichen kriminalistischen Arbeit also auch um Vertrauen unter Kollegen und Freunden. Und unser Kieler Kommissar wirkt bisweilen ziemlich ratlos und sogar gekränkt, weil er einfach nicht mehr weiß, ob er sich auf seinen Chef und seine Assistentin noch verlassen kann. Eine interessante, weil psychologisch ziemlich komplizierte Situation, die im Film spannend entwickelt wird. Diese eher privaten Probleme sind zudem geschickt verknüpft mit einer klassisch anmutenden Rachegeschichte, bei der es um Schuld und Sühne, aber auch um einen kaum noch bekannten Fall von Fremdenfeindlichkeit aus der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte geht. Auch das ist sehenswert.

Inszeniert hat den Film nach einem Drehbuch von Daniel Nocke der Regisseur Lars Kraume, der bisher vor allem für den Frankfurter-„Tatort“ gearbeitet hat. Aber selbst er hat offenbar nicht auf eine für diese Krimi-Reihe übliche Macke verzichten wollen: Wenn eine kleine Nebenrolle mit einem ungewöhnlich prominenten Darsteller besetzt ist, dann ist er in 99 Prozent aller Fälle der Täter. Und genau das ist leider auch hier der Fall.

(Eine recht eigenwillig gekürzte Fassung dieses Textes ist in der Hannoverschen Allgemeinen erschienen)

ARD, 12.05.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 12.05.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 12.05.2013, 23:45 Uhr
ARD, 14.05.2013, 00:35 Uhr

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Tatort – Trautes Heim

Nichts ist unmöglich. Und wenn das eigentlich Unmögliche zudem so selbstverständlich erzählt wird wie in diesem Kölner-„Tatort“ mit dem wunderbar ironischen Titel „Trautes Heim“, dann reibt man sich als Zuschauer anfangs zwar verwundert die Augen und verfolgt dann die Geschichte jedoch zunehmend fasziniert. Sie führt uns zu Beginn in eine offenbar heile Mittelstandsfamilie: Vater, Mutter und Kind verabschieden sich morgens herzlich. Der Vater Roman Sasse (Barnaby Metschurat) fährt zur Arbeit, der Sohn Lukas geht zum Fußballtraining und Simone Schäfer (Alma Leiberg), die Lebensgefährtin von Roman, kümmert sich um den Haushalt. Auf dem Weg zur Arbeit wird der Junge dann jedoch von zwei Gangstern in einem Transporter entführt. Ein Zeuge verfolgt auf seinem Motorrad das Tatfahrzeug, wird dabei von ihm überrollt und stirbt.

Als die beiden Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) am Tatort erscheinen, beginnt für die Ermittler das große Rätselraten: Ist der Motorradfahrer nur zufällig zum Opfer geworden? Wer entführt das Kind einer Familie, die keineswegs wohlhabend ist? Und handelt es sich womöglich um die Tat von kriminellen Päderasten? Als wenig später das Fluchtfahrzeug gefunden wird und darin das Handy des Jungen, wird die Sache noch merkwürdiger. Das Telefon ist auf den Namen Ruth Junghanns (Sandra Borgmann) registriert, eine Frau, die bei ihrer polizeilichen Vernehmung glaubhaft beteuert, einen Lukas Schäfer gar nicht zu kennen.

Auch Ruth Junghanns führt in einem „trauten Heim“ das Leben einer gutsituierten Mittelstandsfamilie mit Sohn und Ehemann. Und dann nimmt die Geschichte eine unglaubliche Wendung: Wie sich bei den Ermittlungen bald herausstellt, spielt in beiden ach so intakten Familien Roman Sasse den Vater und Ehemann. Er lebt mal zwei Wochen bei der einen, dann bei der anderen. Möglich macht dies eine straff organisierte Terminplanung und eine Alibi-Agentur, die beim Verschleiern bei beispielsweise Seitensprüngen trickreich hilft. Und die es so ähnlich, wie ein Blick ins Internet beweist, wirklich gibt.

Dieser Roman Sasse ist in diesem „Tatort“ also ein großer Lügner und geschickter Betrüger, doch für ihn ist das Ganze unglaublich selbstverständlich. Wie er bei den Befragungen sagt, liebe er halt beide Familien, will sich von keiner trennen. Und wie Metschurat diese schwierige Rolle spielt, glaubt man diesem Bigamisten und spürt sogar ein wenig Verständnis für seine Tat.

Aus diesem ungewöhnlichen Stoff (Drehbuch: Roland Heep, Frank Koopmann) bezieht der von Christoph Schnee inszenierte Film seine Spannung, während der eigentliche Entführungsfall zur Nebensache gerät und dann am Schluss auch eher beiläufig gelöst wird. Was nicht weiter stört. Was allerdings ein wenig nervt, ist die übertriebene Dialoglastigkeit des Films. Anstatt den Bildern und den guten Schauspielern zu vertrauen, wird vieles zusätzlich wortreich erläutert. Und das nimmt dem Film oft das nötige Tempo. – Alles in allem dennoch ein sehenswerter Fall aus Köln, der sogar ohne den sonst dort üblichen Sozial-Touch auskommt.

ARD, 21.04.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 21.04.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 21.04.2013, 23:45 Uhr
ARD, 23.04.2013, 00:35 Uhr

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Tatort – Wer das Schweigen bricht

April 13, 2013 1 Kommentar

Deutsche Schauspieler, die nicht bei drei auf dem Baum sind, werden Kommissar beim ARD-„Tatort“. Diesen Eindruck vermitteln derzeit jedenfalls die zahlreichen Neuzugänge bei der populären Krimi-Reihe. So hat bekanntlich erst kürzlich Til Schweiger in Hamburg gleich reihenweise Bösewichte ins Jenseits genuschelt, Devid Striesow sich durch die saarländische Provinz kaspern dürfen und in zwei Wochen tritt dann ebenfalls in der Hansestadt Wotan Wilke Möhring seinen Dienst an. Zuvor hat bereits Jörg Hartmann als Dortmunder-Kommissar viel Autoblech zerschlagen und zu Weihnachten wird dann gleich mit Nora Tschirmer und Christian Ulmen in Weimar ein neues Duo an den Start gehen. Bei soviel Veränderung sage noch einer, die ARD traue sich nichts.

Doch nun steht erst einmal ein Abgang an. Nach nur fünf Folgen verlässt an diesem Sonntag Nina Kunzendorf das Frankfurter-„Tatort“-Team um Hauptkommissar Frank Steier alias Joachim Król. Angeblich, weil sie sich nicht auf die Rolle der schrägen Ermittlerin Conny Mey reduzieren lassen will. Und diese Entscheidung ist jammerschade. Zwar sind ihre Auftritte anfangs arg überzeichnet gewesen, doch inzwischen hat sie das übertrieben locker-flockige Machogehabe abgelegt und agiert trotz ihrer immer noch gewöhnungsbedürftigen Cowboystiefel wesentlich ernster, tiefer und mit einer Spur schöner Melancholie. Und schafft so mit eine wunderbare Stimmung, die auch ihren letzten Fall „Wer das Schweigen bricht“ bestimmt, den Regisseur Edward Berger erneut nach einem Drehbuch von Lars Kraume in Szene gesetzt hat

Wie bisher alle Folgen mit Steier und Mey basiert die Geschichte auf einer wahren Begebenheit, die der Bremer Kommissar und Profiler Axel Petermann in seinem Buch „Auf der Spur des Bösen“ geschildert hat. Tatort ist ein Frankfurter Jugendgefängnis, wo nachts ein Strafgefangener in seiner Zelle ermordet wird. Doch wie, fragen sich die ratlosen Ermittler, konnte der Mörder in die abgeschlossene Zelle kommen? Und warum wurden dem Opfer vor seinem Tod acht Zehennägel ausgerissen? Die Mitgefangenen des Toten hüllen sich in Schweigen. Auch die Aufnahmen einer Überwachungskamera helfen den beiden Kommissaren nicht weiter, weil seltsamerweise die entscheidenden Minuten fehlen. Und als sie dann eher beiläufig von den Knastaufsehern erfahren, dass einem weiteren Insassen die Fußnägel gewaltsam entfernt worden sind, wird für sie die Geschichte noch undurchsichtiger.

Erzählt wird also eine klassische „Wer-ist-der-Täter“-Story, die am Schluss dann erstaunlich unspektakulär aufgelöst wird. Manche Dinge sind halt doch ganz einfach. Dennoch fasziniert die düstere Geschichte bis zu ihrem Ende. Vor allem wegen der ungemein stimmigen Atmosphäre, die den Zuschauer dank eines geschickten Zusammenspiels aus Farben, Licht und Musik schnell gefangen nimmt. So wirkt das ach so liberale Jugendgefängnis wie eine eiskalte und nach außen gut abgeschottete Mini-Welt, in der Gruppen aus Deutsch-Russen, Arabern und Neo-Nazis ihre Revierkämpfe gewalttätig austragen. Während das Frankfurter Kommissariat mit seinen holzvertäfelten Gängen eine ernüchternde Finanzamt-Tristesse ausstrahlt.

Aber auch die beiden Kommissare zeigen sich darstellerisch von ihren besten Seiten. Dabei erfährt der Zuschauer, warum Steier stets so übellaunig wirkt, ja, dass er eine Schuld mit sich herumträgt, die er regelmäßig versucht, im Alkohol zu ertränken. Auch der Weggang seiner mittlerweile liebgewonnenen Kollegin Mey an die Polizeischule Kiel schmerzt ihn offenbar heftig. Und sein Versuch, dies mit ziemlich platten Scherzen aus dem vorigen Jahrtausend zu überspielen, geht gehörig schief. Aber, wie sagt seine Kollegin Mey tröstlich lächelnd in der Anfangsszene: „Das Leben geht weiter.“ Und weiter geht’s auch mit dem Frankfurter-„Tatort“, wo in der nächsten Folge Alwara Höfels Steiers Assistentin spielen wird. Ob sie seine feste Partnerin wird, soll allerdings erst im Herbst entschieden werden.

UPDATE: Inzwischen steht die neue Partnerin Króls fest: Margarita Broich.

ARD, 14.04.2013, 20:15 Uhr 
Eins Festival, 14.04.2013, 21:45 Uhr / Eins Festival, 14.04.2013, 23:45 Uhr
ARD, 16.04.2013, 00:35 Uhr

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