Wetten, dass …?

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TV-Kritik: Momentversagen

Für den Kölner Staatsanwalt Manuel Bacher ist die Welt wohlgeordnet: Er ist mit einer hübschen Frau (Lisa Wagner) verheiratet, die gerade ein Kind erwartet. Er lebt mit ihr in einem repräsentativen, wenn auch ziemlich protzigen neuen Haus. Nun ist er auch noch befördert worden und wird auf der kleinen Party zu diesem Anlass von seinem Chef gelobt als ein Mann, der den Unterschied zwischen Recht und Moral noch kenne. Und dann droht schlagartig seine geordnete Welt zusammenzubrechen durch ein von ihm selbst zu verantwortendes „Momentversagen“ – so auch der treffende Titel dieses kriminalistischen Dramas, das der „Weissensee“-Regisseur und –Mitautor Friedemann Fromm nach einem Drehbuch von Norbert Ehry inszeniert hat.
Schuld an dem sich nun rasant entwickelnden Desaster haben Gier und Geilheit, haben Ängste und vor allem Aggressionen, die eben auch in einem Kopfmenschen wie dem Biedermann Bacher schlummern. Und die Fallhöhe kann extrem hoch sein, wenn bei einem gutsituierten Menschen wie ihm die Existenz zu zerbrechen droht. Das führt dieser Film anschaulich und psychologisch einfühlsam vor. Der Regisseur geht dabei so geschickt vor, dass man sogar zunehmend Mitleid mit dem traurigen Helden Bacher empfindet. Auch wenn er sich bisweilen dümmer verhält, als es die Staatsanwaltschaft eigentlich erlaubt. Aber Felix Klare, der Stuttgarter-„Tatort“-Kommissar, spielt diese Figur und ihre Wandlung so glaubhaft, dass man ihm fast alles abnimmt.
Und so nimmt das Unheil also seinen Verlauf: Nach der anfangs erwähnten alkoholseligen Beförderungsparty begleitet Bacher seine attraktive Kollegin Caroline von Studt (Julia Thurnau) nach Hause. Dort haben die beiden schnellen und ziemlich harten Sex. Als er anschließend noch in der Nacht zerknirscht, weil schuldbewusst den Ort seines Seitensprungs wieder verlässt, wird er in einem Park Zeuge einer handfesten Auseinandersetzung, bei dem ein junger Mann eine Frau bedroht und körperlich bedrängt. Bacher geht, wie es sich ja für einen pflichtbewussten Bürger gehört, dazwischen und verliert bei der Auseinandersetzung plötzlich die Beherrschung. Er schlägt mehrmals mit einer Flasche zu, sein Widersacher bricht blutüberströmt zusammen und verschwindet bald darauf im dunklen Park. Und Bacher überlegt kurz, ob er die Polizei deswegen benachrichtigen sollte. Er zögert und lässt es schließlich sein: Wie sollte er denn auch erklären, wo er gerade hergekommen ist.
Als am folgenden Tag die bös zerschundene Leiche des Mannes im Park gefunden wird, ist das für Bacher ein richtiger Schock. Plötzlich erscheint dann auch noch bei ihm zuhause die ehemalige Drogenabhängige Joy (Lili Zahawi), die behauptet, Zeugin des nächtlichen Vorfalls zu sein. Zudem ist sie Freundin des dafür fälschlich Verdächtigten, einem Junkie, der bereits festgenommen worden ist und in Untersuchungshaft sitzt. Und durch das Erscheinen dieser jungen Frau wird die Geschichte für unseren Staatsanwalt erst richtig kompliziert, auch weil die ermittelnden Staatsanwältin, ausgerechnet sein One Night Stand, ihn in Verdacht hat.
Besonders gelungen ist dann der Schluss des Films, bei dem Bachers Frau eine wichtige Rolle spielt. Und bei dem vieles nur angedeutet und sehr vieles raffiniert offen gelassen wird. Aber eines scheint zumindest klar, wer sich mit einer werdenden Mutter anlegt, der kämpft meistens auf verlorenem Posten. Vor allem wenn sie gerade ihr „Nest“ baut.

ARD, 22.10.2014, 20:15 Uhr
ARD, 23.10.2014, 00:20 Uhr / Eins Festival, 25.10.2014, 20:15 Uhr
Eins Festival, 26.10.2014, 12:45 Uhr / Eins Festival, 29.10.2014, 18:30 Uhr
Eins Festival, 30.10.2014, 07:00 Uhr / Eins Festival, 30.10.2014, 12:30 Uhr

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Rosa Ribas, Sabine Hofmann: Das Flüstern der Stadt

Eine unterhaltsame, bisweilen auch sehr spannende Reise in Spaniens jüngste Vergangenheit bietet der Krimi „Das Flüstern der Stadt“. Schauplatz des Romans ist Barcelona im Jahre 1952, also zur Zeit der Franco-Diktatur, die bis in die siebziger Jahre in dem Land geherrscht hat. Und den in Frankfurt lebenden deutsch-spanischen Autorinnen und Literaturwissenschaftlerinnen Rosa Ribas und Sabine Hofmann gelingt es vorzüglich, den Zeitgeist dieser Jahre zu schildern, vor allem die herrschende Unterdrückung und die allgegenwärtige Angst vor Repressalien.
Im Mittelpunkt steht die junge Journalist Ana, die bei ihrer Tageszeitung eigentlich für Klatsch und Mode zuständig ist. Doch als der Polizeireporter einige Zeit ausfällt, bekommt sie eine ungewöhnliche Chance. Sie soll über einen grausigen Mordfall berichten, der sich in den sogenannten besseren Kreisen der Stadt zugetragen hat. Wobei die Berichterstattung nicht aus journalistischem Interesse geschieht, sondern weil sie von den Machthabern angeordnet worden ist. Dabei erweist sich die Journalistin als weniger pflegeleicht und lenkbar, als von den staatlichen Stellen erhofft. Sie stellt unangenehme Fragen, beginnt zusammen mit ihrer Cousine, einer von einem Berufsverbot betroffenen Sprachwissenschaftlerin, eigene Nachforschungen, kommt bald einem Komplott auf die Spur, an dem einflussreichste Bürger der Stadt beteiligt sind. Und gerät dadurch schließlich selbst in höchste Gefahr.
Zwar beginnt die erzählte Geschichte etwas schleppend, da anfangs vielleicht ein bisschen zu langatmig die beteiligten Personen ausführlich vorgestellt werden. Doch dann nimmt sie immer mehr Fahrt auf, ist locker, auf hohem sprachlichen Niveau erzählt. Und endet in einem gut ausgetüftelten Showdown. Zudem haben die Autorinnen mit ihrer Ana eine Figur geschaffen, die so erfrischend sympathisch ist, dass man sich auch als männlicher Leser gern mit ihr identifiziert. So machen Zeitreisen wirklich Spaß.
Rosa Ribas, Sabine Hofmann. Das Flüstern der Stadt, Kindler, 512 Seiten, 19,95 Euro.

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